JUNGKEEPER RENSING
Kahns jüngstes Opfer
Von Erik Wegener
Talent hat Michael Rensing reichlich, Bundesligaeinsätze kaum. Der 21-jährige Bayern-Torwart kommt an Stammkeeper Oliver Kahn nicht vorbei. Daran wird sich sobald nichts ändern. Rensing bleibt dennoch ruhig - weil er muss.
Kurz vor Weihnachten erhielt Michael Rensing eine wichtige Nachricht. Da erklärte Oliver Kahn, 36, seinen auslaufenden Vertrag beim FC Bayern bis zum 30. Juni 2008 zu verlängern. Die Freude von Manager Uli Hoeneß und Trainer Felix Magath ("ein Weihnachtsgeschenk") konnte Rensing nicht teilen. Der Ersatzkeeper des deutschen Fußball-Rekordmeisters, der auf Kahns Karriereende nach der WM 2006 gehofft hatte, gab sich dennoch gelassen - zumindest in der Öffentlichkeit. "Mein Vertrag läuft bis 2007. Alles andere wird sich zeigen. Ich kann als Nachwuchsmann keine Ansprüche stellen", sagte der 21-Jährige, den Hoeneß für "Deutschlands größtes Torwarttalent" hält. Die Betonung liegt dabei auf Talent. Das weiß auch Rensing: "Ich kann so gut halten, wie ich will, die Hierarchie bestimmt, dass Olli spielt."
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Torleute Rensing, Kahn: "Trainiert wie ein Verrückter"
Vor fünf Jahren kam Rensing vom niedersächsischen TuS Lingen zum Weltclub FC Bayern. Der Keeper war ein Nobody, aber einer mit einem großen Ziel: Er wollte einmal die Nummer eins in München werden. Rensing musste sich erst an die harten Trainingsbedingungen im Fußballinternat der Bayern gewöhnen. Damals gab es dort schon einige ambitionierte Jugendnationaltorhüter. Provozierend fragte ihn einer der Konkurrenten, was er eigentlich hier wolle. Er werde mit Sicherheit nicht spielen. Rensing gab die Antwort auf dem Platz: "Ich habe trainiert wie ein Verrückter." Er sei eben ein Perfektionist. "Ich möchte das, was ich mache, auch extrem gut beherrschen", sagt der 1,88 Meter große Schlussmann.
Schade nur, dass er es so selten in der Bundesliga zeigen kann. Seinen letzten von bislang sechs Erstliga-Einsätzen hatte er am Schlussspieltag der vergangenen Saison beim 3:1-Sieg in Stuttgart. Spielpraxis bekommt Rensing momentan nur in der zweiten Mannschaft des FC Bayern unter Trainer Hermann Gerland. Die Gegner des Nachwuchskeepers sind Pfullendorf oder Elversberg. "Unsere Elf ist momentan nicht so stark wie im vergangenen Jahr, also kriegt Michael deutlich mehr auf den Kasten", sagt Regionalliga-Coach Gerland. Man spüre förmlich, wie Rensing durch diese Verantwortung aufblühe, versucht der 51-Jährige zu trösten. Die meisten Ersatzleute seien sich ja zu schade, in der Amateurmannschaft zu spielen, sagt Gerland. "Michael nicht, er ist sehr wertvoll für uns."
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Amateurcoach Gerland kennt die Bundesliga seit 33 Jahren aus nächster Nähe, er hat selbst 204 Spiele für Bochum absolviert, war anschließend Cheftrainer beim VfL, in Nürnberg und Bielefeld. Er hat viele Talente ausgebildet. Wenn es nach Gerland geht, muss sich Rensing nicht sorgen. "Er wird sich beim FC Bayern durchsetzen, da bin ich ganz sicher." Dann blickt er in Richtung Kahn, der auf dem Trainingsplatz nebenan gerade eine Flanke herunterpflückt. "Schließlich gibt es auf diesem Niveau keinen, der bis 50 spielt", sagt Gerland. Rensing, Stammtorhüter der U21-Nationalmannschaft, reicht es schon, dass Kahn bis mindestens 38 durchhalten will.
"Es ist bei uns ein Übel, dass junge Spieler zu schnell nach oben geschossen werden", mahnt Cheftrainer Magath zu Gelassenheit: "Kahns Verlängerung ist natürlich auch für Rensing ein Geschenk, Michael kann sich bei einem Topverein neben einem Weltklassemann entwickeln. Er soll dafür dankbar und glücklich sein." Betont emotionslos gibt sich Kahn: "Michael muss selbst entscheiden, wie er mit der Situation umgeht", sagt der Nationaltorwart und Münchner Mannschaftskapitän. Kahn ist von Rensing überzeugt. "Er ist in allen Belangen schon viel weiter als ich im selben Alter." Der Stammkeeper kann es sich leisten, seinen Stellvertreter, der kein wirklicher Herausforderer ist, zu loben. Seine Position ist kommod.
Das ist sie schon seit Jahren. An Kahn, der 1994 vom Karlsruher SC nach München wechselte und inzwischen nach Mehmet Scholl dienstältester Bayern-Profi ist, haben sich schon etliche Torleute die Zähne ausgebissen. Weder Uwe Gospodarek (heute beim Zweitligisten Wacker Burghausen), Stefan Wessels (1. FC Köln), Bernd Dreher (FCB-Torwarttrainer) oder Sven Scheuer (TSV Schöneich) konnten Kahn verdrängen. Sie spielten nur, wenn der Teamprimus verletzt war oder Begegnungen anstanden, in denen es um nichts ging.
"Ich will spielen", sagte Rensing, "es ist nicht mein Ziel, einfach nur Profi zu sein und einen guten Vertrag zu haben." Ihn auszuleihen, sei kein Thema, erklärt Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. "Es ist nicht einfach für Michael, aber er soll bei uns bleiben. Wir sind überzeugt, dass er der Nachfolger von Kahn wird." Nur wann? Noch ist Rensing geduldig. "Ich möchte nicht bei einem Mittelklasse-Verein spielen. Das reicht mir nicht", sagt der Torwart, der schon immer zum FC Bayern wollte: "Bei uns zuhause sind alle fußballverrückt. Seit ich denken kann, bin ich ein Roter." Für immer Fan zu sein, ist durchaus möglich. Der Status des hochbegabten Lehrlings dürfte auf Dauer für Rensing jedoch keine Perspektive sein - selbst nicht beim Lieblingsclub.




