Ist er bis zur EM noch haltbar?

Lehmann spielt schlecht und redet das schön. Löw bleibt ihm trotzdem treu. Enke muss warten.

Ganz bitter, wie Jens Lehmann seine schlechte Leistung schönredete. Bundestrainer Joachim Löw wird trotzdem an ihm festhalten.
VON ANDREAS WILLEKE
WIEN. Eigentlich wars kaum mehr möglich, noch schlechter aufzutreten als zuvor auf dem Platz. Doch Jens Lehmann gelang auch das noch da unten im Bauch des Wiener Stadions. „Was wollen Sie? Ich habe nur einen Fehler gemacht, und der ist ohne Folgen geblieben“, raunzte Lehmann. Damit steht fest: Der 38-Jährige hat nicht nur große Probleme im Torwartjob, sondern auch beim Zählen.
Zum Pannen-Hattrick in der ersten kam ein grober Patzer in der zweiten Halbzeit, als Lehmann einen Ball abprallen ließ. Damit wären wir bei vier Fehlern, denen man die eine oder andere Rettungstat gegenrechnen konnte.
Sogar Lehmann-Fan Joachim Löw kritisierte: „In der einen oder anderen Situation hatte er nicht die Sicherheit. Er ist zu früh aus dem Tor geeilt, und bei einer Flanke ist man gewohnt, dass er die Lufthoheit hat.“ Franz Beckenbauer war deutlicher. „So unsicher habe ich Jens selten gesehen.“
Nur Lehmann selbst sah alles anders. Warum bloß hat er nicht einfach zugegeben: Tschuldigung, war nicht mein Tag! Stattdessen erzählt er komische Geschichten: Er habe sich verschätzt beim Herauslaufen, „weil der Rasen so nass war“. Und „wenn man so risikoreich spielt wie ich, ist klar, dass man nicht jeden Ball kriegt“.
Der eigentlich intelligente Torwart greift in eigener Sache ziemlich oft daneben. Deshalb galt er lange Jahre als Stiesel, bis er im Sommermärchen zum Elfmeter-Töter aufstieg. In Wien wurde er jetzt aber zum „Fliegenfänger“ degradiert, wie die Zeitung „Österreich“ spottete.
Löw „ist klar, dass jetzt Diskussionen aufkommen“. Lehmann selbst legte ungewollt den Finger in die Wunde. „Ich mag lieber Spiele, in denen es wirklich um etwas geht.“ Gerade das mag man sich nach dieser Leistung besser nicht vorstellen. Was, wenn Lehmann im Halbfinale so patzt? Stärkere Gegner nutzen das aus.
Offensichtlich fehlt ihm die Spielpraxis. Das Problem wird umso größer, je länger Lehmann bei Arsenal auf der Bank sitzt. Im Herbst 2007 hielt er in Irland noch ordentlich, in Wien mies – und wie wirds in vier Monaten sein?
Im krassen Gegensatz zu den EM-Ängsten steht Lehmanns Selbstüberschätzung. „Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal in der Nationalmannschaft einen Fehler gemacht habe. Wenn Deutschland nichts anderes zu diskutieren hat …“
Blöder Text, die Diskussion ist selbstverständlich notwendig. Dabei hat Löw vorerst weiter „Vertrauen zu ihm“. Offenbar genießen Robert Enke und Timo Hildebrand diese Wertschätzung nicht. Anders ist nicht zu erklären, dass sich der Bundestrainer weigert, die Baustelle, die offen vor ihm liegt, auch Baustelle zu nennen und nach zuverlässigem Personal zu suchen, zum Beispiel im 96-Tor.

Quelle: Neue Presse, 08.02.2008