Also erstmal nochmal zur Situation von Manuel Neuer an sich:
Mein Standpunkt war nicht, dass er weiter in der Ecke stehen muss. Für mich steht er richtig. Allerdings scheint er vom Schuss überrascht worden zu sein, sodass seine Reaktion nicht so schnell erfolgt, wie sie hätte erfolgen können. Verdeckt, wie du es sagst, war der Schuss m.E. nicht, denn Neuer reklamiert ja hinterher sogar Handspiel. Sollte er nicht gesehen haben, was passiert ist, hielte ich das für unwahrscheinlich. Meine Aussage ist, dass hier das gedankliche Erfassen der Situation etwas zu spät erfolgte. Der Körper hat zwar intuitiv auf den Ball reagiert, aber aufgrund der Verzögerung ist diese Aktion inkonsequent.

Was deinen Vorwurf bezüglich der Betrachtungsweise des TW-Spiels im allgemeinen angeht:
Mein Ansatz ist folgender: Das Ziel des Torwarts im Fussball ist doch in erster Linie, kein Gegentor zu kassieren. Dazu treten dann in der Tiefe noch weitere Ziele, wie z.B. ein ordentlicher Spielaufbau etc. Ganz oben steht aber die Prämisse, dass eine Situation so zu lösen ist, dass möglichst kein Gegentor daraus resultiert.
Und da wir hier nur das Torwartspiel betrachten wollen fallen für mich (ähnlich wie im Wiese-Thread) stümperhafte Verteidigerleistungen heraus, die zwar ein Scheitern der Abwehraktion begünstigen, allerdings nicht unbedingt bedingen.
Was ich betrachten will, ist: "Wie hätte sich der Torwart optimalerweise verhalten sollen?" um dann anschließend zu fragen warum er sich nicht so verhalten hat. Und um rauszufinden, was möglich gewesen wäre bleibt nur die Betrachtung des Keepers als Schachfigur, der alle Faktoren kennt. Im zweiten Schritt kann man sich dann fragen, ob er überhaupt in der Lage war, alle Faktoren zu erkennen. Wichtig ist hier, dass ich den zweiten Schritt nicht vor dem ersten mache. Wie dann allerdings am Ende das Urteil ausfällt ist nicht vorgegeben.

Schemenhaft am Fall von Manuel Neuer mache ich das mal vor:

Die Faktoren sind:
1) Es wird eine Kerze geschlagen
2) Boateng verschätzt sich
3) Götze kommt an den Ball
4) Götze schießt direkt aufs Tor

Jetzt frage ich mich, wie sich der Torwart optimalerweise verhalten sollte.
1) Fragestellung: "Kann ich die Kerze aus der Luft pflücken?" Hier denke ich, hat Neuer sich korrekt verhalten, da vor einem der beiden Spieler am Ball zu sein wäre schwierig geworden
2) Fragestellung: "Kann ich damit rechnen, dass mein Verteidiger den Ball klärt" Er sollte es können, aber als Torwart ist man gerade für den Fall da, dass der Stürmer zum Abschluss kommt. D.h. der Keeper muss mit dem schlimmsten rechnen und sich auf einen Abschluss vorbereiten.
3.) Fragestellung: "Was macht der Stürmer mit dem Ball?" Hier tritt die Frage auf, was der Stürmer mit dem Ball machen kann. Annehmen? Wohl kaum. Abspielen? Macht auch keinen Sinn. Demzufolge wird er wohl direkt abschließen. Folge für den Keeper: Sich bereit machen, dass ein Schuss kommen wird.
4.) Fragestellung: "Wohin wird er schießen?" Hier ist wohl davon auszugehen, dass Götze entweder voll draufzieht und einen eher hohen Schuss ansetzt, oder alternativ einen flachen Schuss ins Eck setzt. Konsequenz für mich als Keeper ist, dass ich nicht spekuliere, wo der Ball hinkommen könnte, sondern mich so postiere, dass ich auf den Schuss reagieren kann.

Würde der Keeper optimalerweise so handeln, wäre er bereit für den Schuss und könnte dann mit der Technik des Tauchens auf den Schuss reagieren.

Letzteres erfolgt bei Neuer nicht, jetzt steht die Frage im Raum, wieso er das nicht tut. Für mich sah es so aus, als hätte er entweder nicht mit dem Schuss gerechnet (s. Punkt 3 oben) oder er auf einen hoch angesetzten Schuss spekuliert (Punkt 4).

Essenz ist aber: Neuer hat sich nicht optimal verhalten. Über alles weitere kann diskutiert werden. Jetzt kann man sich aussuchen, ob man Ausreden sucht, nachvollziehbare Gründe findet, warum er suboptimal gehandelt hat (ein verdeckter oder abgefälschter Schuss wäre hier anzuführen gewesen) oder ob man eben zu der Ansicht gelangt, dass er sich durchaus so hätte verhalten können wie der imaginäre "Schachfiguren"-Torwart.

Für mich ist letzteres der Fall. Er verhält sich (unnötigerweise) nicht ideal und nimmt sich damit eine bessere Chance, den Ball zu halten.

Dass es entschuldigende Umstände gibt, bei denen man sagen kann "Der Schuss kam sehr gut" und "Die Hauptschuld liegt bei Boateng" oder ganz allgemein "Er ist ein Mensch, keine Maschine!" ist klar, mir geht es aber nur um die Frage: "Kann er es besser lösen?" Und die würde ich hier mit "ja" beantworten!