Ah, anständiges Bildmaterial... ja, jetzt wird vieles klar.
Und Patzer... wie geil... naja, wenn man vom Torwartspiel keine Ahnung hat wie die Journalisten, dann ist das natürlich ein glasklarer Patzer.

Beginnen wir also mit Steffens kleiner Videoanalyse zum Siegtor in der Partie Freiburg gegen den HSV - Bundesliga bei Bild auf youtube (danke an derwaechter für das tolle Bildmaterial)

Da ja eigentlich das Spiel langweilig gewesne war wie es scheint und der HSV auch irgendwie völlig zahnlos war, beleuchten wir daher ausschließlich die Szene des Tores.
Es beginnt bei 0:51 Frame 16 - hier kommt der Verhängnisvolle Schuss. Der Ball liegt dabei fast ruhig ca. 30 Meter vor dem Tor (!!!!), 32 Frames braucht der Ball bis er nun bei René Adler ist. Ihr könnt selbst ausrechnen, wie schnell der Ball war.
Wir machen einen Sprung zur Zeitlupe, es beginnt bei 1:02 Frame 23 - der Moment wo der Fuss den Ball trifft.
Bei 1:04 Frame 0 ist Adler bereits im Bild und beginnt seine Bewegung mit einer Verlagerung des Gleichgewichts auf das rechte Bein. 1:04 Frame 17 - Adler leitet ein Kippen über die Fussaussenkante ein, er entastet des Bein nicht komplett, sondern schiebt mit dem linken Bein einfach durch, wodurch er ein wenig mehr Reichweite generiert. 1:05 Frame 0 - Adler hat das rechte Bein nun doch entlastet, schiebt aber weiter mit dem linken Bein durch - klares Kippen zum Ball. 1:05 Frame 16 - Adler öffnet die Hände zum Korbgriff, um den Ball zu sichern.
1:05 Frame 23 - Adlers Leithand ist nicht hinter dem Ball, sondern weil die Distanz zum Ball nicht 100%ig passt, ist der Ellenbogen gebeugt, der Ellenbogen der Leithand (hier rechts) daher tiefer
1:05 Frame 24 - der Ballspringt vor Rene Adler auf und Adlers rechter Ellenbogen macht Bodenkontakt. seine rechte Hand, die Leithand ist nicht hinter dem Ball, sondern leicht darüber
1:06 Frame 0 - der Ball erreicht Adler - Einschlag! - Adlers rechter Unterarm macht den Erstkontakt, kein Belag, keine Hand. Rein der rechte Unterarm. Die Hand, die den Ball normalerweise sichern soll, welches die linke Hand ist, greift nicht oben auf den Ball um diesen zu Boden zu drücken und zu kontrollieren, sondern hinter dem Ball vorbei und geht zu Boden. Da der Ellenbogen der Leithand auf dem Boden ist, kann Adler auch mit der Leithand nichts tun, sie ist daher neben dem Ball, unfähig einzugreifen.
1:06 Frame 1 - Adlers linke Hand ist geöffnet, um den Körper gegen den Boden abzufangen, die Leithand streckt sich langsam und beginnt "durchzuschieben", der Ball prellt vom Unterarm jetzt gegen Adlers Brust
1:06 Frame 3 - Adlers linke Hand kontrolliert nicht den Ball, sondern hat jetzt Bodenkontakt und verhindert das nach vorn kippen. die Leithand schiebt immer noch durch.
Der Ball ist in der Lücke die sich bildet zwischen dem fast gestreckten linken Arm und Alders Oberkörper, da der Weg nach oben aber geschlossen war und durch die Leithand weiterhin ist, trudelt der Ball unkontrolliet entlang der Körperlinie abwärts Richtung Unterleib, denn in der Lücke hält den Ball nichts.
1:06 Frame 6 - Adler liegt. die Leithand ist nun gestreckt, die Sicherungshand (die linke) beginnt sich gerade vom Boden wieder abzuheben, der linke Arm ist völlig gestreckt. Der Ball erreicht den Oberschenkel des gebeugten rechten Beins, prellt dort an und springt hoch. Durch die Beugung des Beins wird er nach von geflippert.
Achtung: Newtons Gesetze schlagen wieder unbarmherzig zu, denn immer noch ist Adlers Bewegungsenergie nicht aufgebraucht und er liegt daher immer noch nicht. Er kann sich NICHT gegen diese Energie stemmen, sondern es bleibt nichts anders als zu warten, bis die Energie aufgezehrt ist...
Dies ist erst in 1:06 Frame 18/Frame 19 der Fall, da ist der Ball aber schon rund einen halben Meter von Rene Adler weg und ca. 30 bis 50 cm in der Luft im Spielfeld.
Der nachfolgende Versuch, sich ab 1:07 etwas aufzurichten, bzw. den Ball mit dem Fuss wegzuschlagen ist völlig erfolglos, der Ball ist zu weit entfernt - Petersen schiebt über dem rechten Fuss von Adler die Kugel ins Tornetz.

So, Patzer oder nicht - technisch ist das recht Lehrbuchmäßig abgelaufen. Was ist aber schief gelaufen, damit das passiert?
Nun, es ist dieses dogmaische darauf pochen, daß der Torwart nicht "überdrehen" darf. Daher ist Adlers linke Hand die ganze Zeit beschäftigt, den von der Hüftstellung her immer vorhandenen Torsionsmoment der Wirbelsäule zu stoppen, damit er im Fallen nicht auf den Bauch kippt, sondern seitlich liegen bleibt.
Daher ist die Hand ich nicht frei, den Ball zu kontrollieren und diesen am Körper zu sichern. Adler hat zudem das obere, hier linke Bein völlig gestreckt, was beim Kippen nötig ist, aber just dieses fehlt jetzt, denn Ball ggf. nochmals in Richtung Brust abzulenken.
Da Adler zudem die Fallbewegung nicht mildern kann, muss er bis zu einer Bewegung in Gegenrichtung das Ende abwarten, bis die Kraft, die er in die Bewegung gesteckt hat, aufgebraucht ist, er hat keine Kraftmittel, eine Gegenkraft auszuüben, er muss daher warten, bis der Einschlag seines Körpers völlig abgeklungen ist.
Da der Ball nicht durch die Leithand blockiert wird, die Sicherungshand den Ball nicht gegen den Boden festmacht, gleitet der Ball durch die Arme zur Brust und von dort abwärts gelenkt durch die Lücke zwischen Brustkorb und der linken Schulter und gestreckten linken Arm abwärts, ohne wirklich an Geschwindigkeit zu verlieren, prellt dann gegen den Oberschenken von Adler weg und hoch. Es gab nichts, was den Weg des Balles blockiert hätte...

Also: Bilderbuch Technik, aber trotzdem - das DFB Leitbild versagt.
Schiebt Adler komplett den rechten Arm durch, wird er flacher. Anstelle die linke Hand zu verschwenden, den Körper seitlich zu stabilisieren, sollte er die Drehung des Körpers zulassen, das bringt den Schultergürtel gegen den Ball nach vorn, drehen geht nicht, weil dies das gebeugte, rechte Bein in der Hüfte verhindert. Dieses Bein würde sich aber automatisch - das ist biomechanisch gut automatisiert - strecken und das linke Knie sollte nun angezogen werden.
Ein Flutschball, springt dann gegen das leicht gebeugte rechte Bein, wird aber vom gegen die Ballrichtung anziehende linke Bein 'eingefangen', kommt daher in Reichweite der linken Hand, die den Ball einhamstern und unter dem Körper begraben kann.
Schiebt Adler durch, läßt die Drehung zu, ist die linke Hand nicht mit (Ab-)Stützen und Abfangen beschäftigt, sondern kann sich allein auf den Ball konzentrieren, der Ball wird daher zu Boden gedrückt und verliert tierisch an Fahrt. Die linke Schulter rollt nach vorn, der Ball kann nicht nach oben weg, nach unten auch nicht, weil der Ellenbogen der linken Hand diesen Weg sofort zu macht. Da der Körper weiter nach vorn dreht, kann Alder den durchgeschobenen Arm der Leithand, hier rechts, hochklappen, einziehen und so den Ball nahezu völlig unter sich begraben. Ball ist 100%ig sicher - durchatmen.

Wir sehen daher, daß von einem eigentlichen Patzer keine Rede sein kann, weil der Torhüter eigentlich alles richtig gemacht hat, gefangen aber in einem Bewegungsmuster und jahrelang auf Dinge gedrillt kann er nicht aus seiner Haut und intuitiv/instinktiv das richtige tun - es fehlt das nötige Bewegungsmuster. Adler versucht daher über die Wippe wieder zu kommen, merkt das es nicht reicht und dann kommt eine Notabwehr mit dem Fuss, die aufgrund fehlender Reichweite nicht gelingt...
Das Leitbild, es war gut, versagte aber, weil man Fallschule und Falltechnik sowie der Sicherung oft weniger Aufmerksamkeit schenkt, als der Bewegung zum Ball, die hier eigentlich nur mit Vorbildlich abgehandelt werden kann. Alles was danach kommt, ist schlichtweg blöde, doof und fehlender Intuition geschuldet. Es fehlen alternative Bewegungmuster.
Allein das Stützen mit der Hand, es ist bei so vielen Torleuten inzwischen so fest im System, daß völlig untergeht, wie wichtig diese Hand ist, selbst wenn diese den Ball im Erstkontakt nicht fest machen, oder eben nicht sauber berühren kann. Sofort greift das jahrelang eingedrillte Bewegungsmuster - die Sicherungshand wird zur Stützhand - und damit übernimmt diese eine Aufgabe der Falldämpfung, Aufprallminderung, und kann nicht mehr zur Ballsicherung heran gezogen werden. Das ist hier mehr als DEUTLICH zu sehen und die Folgen sind sehr, sehr eindrucksvoll zu sehen.
Würde man von vornherein weniger dogmisch drillen, weniger krank mit Lineal und Massband die Bewegungen schulen, würden alternative Muster im System verbleiben, die diese Sache verhindern, zudem muss man aufhören, daß der Körper nicht nach von rollen darf... Er darf nicht nach hinten halb auf den Rücken, aber vorwärts in die Bauchlage nahezu fast immer... denn dann bekomme ich die Hände vor mich, wo alle Kraft optimal wirkt, ich kann meine Bewegungsenergie mit Gegenkräften beeinflussen, meine Bewegung aktiv verändern oder sogar gegen eine wirkende Kraft mich stemmen und viellecht aufstehen... aber nein, dogmatisch wird das seitliche Liegen eingehämmert... die Folgen, siehe Video.
Adler macht eigentlich nix falsch und trotzdem geht es barbarisch schief, weil er Gefangner der eigenen Bewegungsmuster ist.

Sicher, einem Bundesliga Torhüter darf das nicht passieren - keine Frage. Doch mir geht es nicht um Schuld, sondern immer darum "Was kann ich/man besser machen?" und das ist denke ich jetzt klar geworden.
Hätte man die Bewegung weniger lehrbuchhaft gestaltet, weniger krass aus dem Lehrbuch in den jungen Rene Adler eingedrillt, würde er wahrscheinlich heute leicht nach vorn gekippt aufkommen und das ganze Ding wäre höchst wahrscheinlich so nicht gefallen... Weltklasse wäre es nicht gewesen, waren ja rund 30 Meter bis zum Tor - aber Adler hätte den Ball sicher gehabt.
Aber so.....

Und eigentlich ist das, was ich oben geschrieben habe, genau das was ich von den Leuten erwarte, die da Patzer schreiben und schreien. Dieses Verständis müssen just diese Leute haben, die sich erheben, es dem Torhüter anzukreiden.