Wie du anmerkst, nimmst du im Spiel alles visuell wahr. Dies ist im wesentlichen richtig, auch wenn andere Wahrnehmungsformen eine zusätzliche Rolle spielen. Ohne dies vertiefen zu wollen, ein Beispiel: Wenn du einen Ball nicht festhältst, registrierst du den Ballverlust zu erst auf taktiler Ebene.Zitat von th.jack
Das aber die visuelle Wahrnehmung zweifelsohne, die wichtigste Wahrnehmungsart ist, muss diese trainiert werden. Um visuelle Wahrnehmung zu trainieren muss man aber zunächst verstehen was sie eigentlich ist und welche Rolle sie für einen Torwart hat.
Die visuelle Wahrnehmung dient zur Orientierung, zur Kontrolle der Eigenbewegung und zur Erfassung von Fremdbewegungen, also andere Spieler und der Ball. Beim Torwart dominiert vorwiegend reaktives und antizipatives (=vorausberechnetes) Handeln auf der Basis der Informationen, die über die Augen aufgenommen werden. Demzufolge muss das Auge genauso gut trainiert sein wie der Körper. Das visuelle Erfassen und Verarbeiten der Ball-Flugwege und des Gegnerverhaltens erfordert sehr gut entwickelte Fähigkeiten, speziell im Bereich des Bewegungssehens und der Tiefenwahrnehmung (=räumliches Sehen). Um sich bewegende Objekte (wie z. B. Ball) scharf sehen und identifizieren zu können, müssen diese durch koordinierte Augen- und Kopfbewegungen in der Fovea centralis - der Stelle des schärfsten Sehens auf der Netzhaut - abgebildet werden. Im Fussball kommt erschwerend hinzu, daß der Torwart während seiner Eigenbewegung komplexe Spielsituationen sowie Ball- und Gegnerbewegungen, meist unter Zeitdruck, erfassen muß.
Von größter Bedeutung für den Torwart ist daher die Fähigkeit des optischen Systems, den Ball bei möglichst hohen Geschwindigkeiten korrekt zu "orten". Bei der sogenannten "Sakkadischen Ortungsgeschwindigkeit" des Bewegungssehens steht weniger die Auflösungsleistung der Netzhaut (die Sehschärfe) als vielmehr die koordinative Leistungsfähigkeit der Augenmuskulatur (Blickmotorik) im Vordergrund.
Beim Verfolgen des Balles versucht der Torwart zunächst, den Ball mit Hilfe von Augenfolgebewegungen "einzufangen". Augenfolgebewegungen ermöglichen eine kontinuierliche Verfolgung des Balles bis zu einer Winkelgeschwindigkeit von ca. 100 °/s. Der Ball kann dabei mit einer Genauigkeit von ca. 1° in der Fovea "gehalten" und dort scharf wahrgenommen werden. Die bei höheren Ballgeschwindigkeiten resultierende "retinale Bildwanderung" (das Auge bleibt relativ zum Sehobjekt zurück) führt zum Einsetzen von Sakkaden, d. h. von ruckartigen Blicksprüngen. Über den "schnellen" Blicksprung erfolgt eine möglichst präzise Annäherung an das sich bewegende Objekt. Die anschließende Augenfolgebewegung dient dann der kurzzeitigen Abbildung des Balles in der Fovea und damit der Identifizierung von Details, z.B Rotation des Balles, Flugbahn des Balles, Laufweg des Gegners, Fussbewegung beim Schuss usw.
Abhängig von der Größe des Blicksprungs können maximale Sakkadengeschwindigkeiten von 600-700°/s erzielt werden. Die während eines Blicksprunges eintretende Wahrnehmungseinschränkung hat zur Folge, daß es bei hohen Ballgeschwindigkeiten ohne ein entsprechendes "vorausschauendes Timing" nicht möglich wäre, den "Fovea-Transport" mit dem Ball oder dem Gegenspieler zu koordinieren. Folglich müssen die Größe und die Geschwindigkeit des Blicksprungs, der notwendig ist, um den "verlorengegangenen" Ball wieder einzufangen, möglichst präzise vorausberechnet werden.
Diese Ortungsgeschwindigkeit lässt sich nachweislich trainieren. Gerade im Tennis- und Tischtennisbereich, also Sportarten mit extrem hohen Ballgeschwindigkeiten, gibt es dazu umfangreiche sportmedizinische bzw. sportwissenschaftliche Untersuchungen.
Bälle die zum Beispiel von hinten kommen werden erst sehr spät und im wahrsten Sinne aus dem Augenwinkel wahrgenommen. Die Verfolgung dieser Bälle stellt hohe Anforderungen an das vorausschauende Timing, um den "Fovea-Transport" zu gewährleisten und dienen daher hervorragend dem Training eines Torwarts.
Noch ein allgemeiner Hinweis: Das eben geschilderte Bewegungssehen ist weitgehend unabhängig von der Sehschärfe; im Gegensatz zum räumlichen Sehen, das ihr für die Spielfeldübersicht benötigt, um z.B. Distanzen abzuschätzen.




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