Tja, wenn das mit dem integrieren immer so einfach wäre. Zum Integrieren braucht man nämlich sowohl eine Mannschaft, die dazu bereit ist, einen jungen Torwart zu integrieren und einen Torwart, der bereit ist, sich zu integrieren.
Im Regelfall ist es doch so, dass alle ersten Mannschaften einen Stammkeeper haben, hinter dem eine Nummer 2, auf seine Chance wartet. Je höher die Mannschaft spielt, umso stärker ist sie auch auf der Torwartposition besetzt; die Aufstellung der Mannschaft erfolgt rein leistungsbezogen. Im Gegenzug sind bei niederklassigen Vereinen oft persönliche Beziehungen wichtiger als die rein sportliche Leistung und somit entscheidend für die Mannschaftsaufstellung. In beiden Fällen ist aber ein Punkt wesentlicher Bestandteil der Entscheidung, wer spielt und wer nicht spielt. Dieser Punkt heisst Vertrauen; sei es Vertrauen in die sportliche Leistung oder Vertrauen auf zwischenmenschlicher Ebene. Dieses Vertrauen gilt es, sich zu erarbeiten. Und genau da, beginnt das Problem des Integration eines Spielers, denn letztendlich bedeutet Integration nichts anderes als der Aufbau des gegenseitigen Vertrauens.
Der junge Torwart kann nur dann Vertrauen gewinnen, wenn sportliche Leistung und Selbstdarstellung gegenüber der Mannschaft übereinstimmen. Für viele ein Problem, da sie aus der Jugend kommen und sich ihr Selbstverständnis gemeinsam mit dem der Mannschaftskollegen entwickelt hat. Jahrelang haben sie in der Jugend eine bestimmte Art der Aussendarstellung entwickelt, die auf der Wechselwirkung zwischen ihnen und der Mannschaft beruhte. In der Herrenmannschaft funktioniert diese gewohnte Wechselwirkung aber plötzlich nicht mehr, da ältere Spieler andere Wertvorstellungen haben und von daher ganz andere Faktoren bei der Einschätzung eines Charakters zugrunde legen. Dieser Konflikt endet häufig in der Einschatzung "grosse Klappe, nichts dahinter" und das erforderliche Vertrauen geht den Bach runter.
Es ist kaum möglich diesen Vertrauensverlust, durch sportliche Leistung wettzumachen, denn dies würde fast "übermenschliche" Torwartfähigkeiten verlangen. Stellt dieser Spieler dann auch noch Ansprüche, ist es kein Wunder, wenn er abgeschoben wird, da er als Störenfried angesehen wird, der das Mannschaftsklima vergiftet.
Dieser Konflikt kann nur vermieden werden, wenn beide Seiten das gegenseitige Verständnis mitbringen, wobei Voraussetzung ist, dass der junge Torwart über die entsprechenden sportlichen Voraussetzungen verfügt, auf die man aufbauen kann. Bei diesem gegenseitigen Verständnis ist ein Punkt besonders wichtig. Der junge Torwart war die Nummer 1 in der Jugend, mit allem was es für einen Torwart bedeutet diese Nummer 1 zu sein. Plötzlich ist dieser Status weg und er wird vom Gejagten wieder zum Jäger. Eine Rolle, die ganz andere menschliche Fähigkeiten verlangt, die dieser Spieler vielleicht nie zuvor benötigt hat. Dies muss allen Beteiligten klar sein, damit der Torwart diese neue Rolle im Interesse der Mannschaft wahrnehmen kann. Dabei ist besonders der Trainer(-stab) gefordert, da er diesem Torwart helfen muss, seine neue Rolle zu akzeptieren und ihn bei der Jagd auf die Nummer 1 motivieren und unterstützen muss, ohne dabei die bestehende Nummer 1 zu demotivieren.
Dieser Rollenwechsel lässt sich für alle Beteiligten am Besten vollziehen, wenn man den jungen Torwart langsam heranführt, so dass er noch die Nummer 1, bei der Jugend ist, gleichzeitig aber bereits im Training zumindest phasenweise an die Rolle des Jägers herangeführt wird. Auf diesem Weg lassen sich viele Konflikte vermeiden und Torwart und Mannschaft können sich ohne Leistungsdruck aneinander gewöhnen und das notwendige Vertrauen entwickeln.




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