Steffen, du hast zweifelsohne Recht mit deiner Kritik am Hagkure. Nur letztendlich brachte "die Kunst des Krieges" von Sun Tzu, genau diesen Typ von Krieger hervor.
In den strategischen Überlegungen von Sun Tzu heisst es, Führerschaft steht für die Tugenden von Weisheit oder Klugkeit, Aufrichtigkeit (auch Glaubwürdigkeit), aber auch Wohlwollen, Mut und Strenge (auch Geradlinigkeit). Die 5 Kardinaltugenden der Chinesen sind: Menschlichkeit oder Wohlwollen, Aufrichtigkeit des Verstandes, Selbstachtung, Selbstdisziplin, oder „Ausgeglichenheit” (im Sinne der inneren Harmonie), Weisheit, Klugkeit, Aufrichtigkeit oder „guter Glaube”. Hierbei werden „Weisheit” und „Aufrichtigkeit” klar vor „Menschlichkeit” und „Wohlwollen” gesetzt, und die zwei militärischen Tugenden des „Mutes” und „ Strenge” (Geradlinigkeit) ersetzt durch „Aufrichtigkeit des Verstandes”, „Selbstachtung”, „Selbstdisziplin” oder „Ausgeglichenheit”.
Bei der Beurteilung einer militärischen Ausgangslage stellt Sun Tzu unter anderem folgende Frage "Wessen Disziplin ist wirksamer?". Davon ausgehend, dass sich Sun Tzu`s Werk nicht an den einfachen Soldaten, sondern an die politisch-militärische Führung gerichtet ist, ergibt sich daraus, dass diese Überlegungen massiven Einfluss auf alle Soldaten hat. Im Hagakure wird dann wesentlich später der ideale Soldat zur Umsetzung der Vorgaben von Sun Tzu beschrieben. Sun Tzu richtet sich in unserem Fall also an die Mannschaftsführung einschliesslich der Führungsspieler auf dem Platz, aber nicht generell an jeden einzelnen Spieler; wobei es sicherlich kein Fehler ist, wenn jeder Spieler die Grundlagen kennt, warum und wann, welche Entscheidung getroffen wird. Sun Tzu gibt die sinngemässe Vorgabe, dass wenn ein Gesetz erlassen wird, man Sorge zu tragen habe, dass es befolgt wird und wer dagegen verstösst muss sterben. Dies führt unter Einbeziehung der fernöstlichen Weltanschauung zur Schaffung des im Hagakure beschriebenen Kriegertyps.
In den taktischen Überlegungen heisst es: "Daher gewinnt eine siegreicher Stratege zuerst und sucht dann erst den Kampf; hingegen ist derjenige
zur Niederlage bestimmt, der erst kämpft, und dann erst versucht, zu gewinnen" und weiter "Betrachtet man die militärische Methode, so haben wir hier zuerst „Augenmaß, danach „Schätzung der Quantitäten”, drittens „Berechnung”, viertens „Ausgleichen von Chancen” , fünftens – den Sieg". Diese taktischen Überlegungen von Sun Tzu ist eine 2500 Jahre alte, fernöstliche Übereinstimmung, mit den von mir, vor dem Hintergund westlicher Psychologie getroffenen Aussagen, wie man ein Ziel plant und erreicht. (Ausgansgsbedingungen - Zielbedingungen - Veränderung der Ausgansbedingungen bis diese mit den Zielbedingungen übereinstimmen).
In seinen Ausführungen zur Energie schreibt Sun Tzu: "Die Qualität von Entscheidungen ist so: Wenn die Geschwindigkeit eines ............en groß ist, dass er zuschlagen und töten kann, dann liegt es an seiner Genauigkeit." Hier haben wir, die von mir vor dem Hintergrund der westlichen Psychologie getroffenen Aussage zur Motivation, die beinhaltet, dass alle verfügbaren Kräfte, dem Erreichen des Ziels unterworfen werden. Sun Tzu bringt hier die physischen Fähigkeiten (Geschwindigkeit) mit den mentalen Fähigkeiten (Genauigkeit der Zielerfassung, also Konzentration auf das Ziel) zusammen; er setzt sogar noch einen drauf und macht die mentalen Fähigkeiten zur Basis der physischen Leistungsfähigkeit. Ein Fakt, den auch aus westlicher Sicht niemand bestreiten wird. Eine zusätzliche Bestätigung dieser Übereinstimmung findet sich in dem folgenden Satz von Sun Tzu "Genauso verhält es sich mit einem vortrefflichen Krieger – er ist fürchterlich in seinem Angriff und genau in seiner Entscheidung".
Zusammengefasst, bedeutet dies, dass man, soweit man die Lehren Sun Tzus auf Einzelpersonen herunterbrechen kann, und jede Armee ist ja eine Summe von Individueen, grundlegende Paralellen zur westlichen Psychologie findet. Das Problem liegt einzig und allein darin, die richtige Über- und Umsetzung zu finden.
Steffen, ich möchte dir noch zu dem hervorragenden Post zu diesem Thema gratulieren. Du hast es sehr wohl geschafft, dieses schwierige Thema in Worte zu fassen. Unterm Strich denke ich aber, dass wir uns in keinster Weise widersprechen, sondern du das Thema feröstlich angegangen bist, während ich es unter dem Aspekt der westlichen Psychologie aufgearbeitet habe. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass du den "Armeeansatz" also den Mannschaftsansatz weiterverfolgt hast, wohingegen ich den Einzelnen in den Vordergrund gerückt habe und auf gruppenpsychologische Ausführungen verzichtet habe. Ich stimme deinen Aussagen, auch vor meinem anderen Ansatz, völlig zu.
Ich will, da du ja auch an anderer Stelle, von der Mannschaft, den 11 Freunden, sprichst zwei Aussagen gegenüber stellen.Zitat von Steffen
Gruppenanalytische, westliche Perspektive: Das Spiel von zwei Mannschaften wird als sich permanent verändernde Figuration verstanden, die den Aktionen der einzelnen Akteure erst ihren Sinn gibt. Grundlegend für das Spiel ist die Konfrontation der Spieler mit einem Streitobjekt, dem Ball, widerständiger Natur, als materialisierter Kontingenz bzw. »Schicksalhaftigkeit«. Ihr sind alle Beteiligten nicht nur ausgeliefert, vielmehr leisten sie – unter den Bedingungen eines agonalen Wettkampfs – einen Beitrag zur Kontingenzkontrolle, zur Überführung emergenter Ballverläufe in die kalkulierbare strategische Handhabung, Domestikation und Überwindung.
Sun Tzu: "Wenn du konzentriert als Einheit auf trittst, während die gegnerischen Kräfte in zehn Teile gespalten sind, greifst du als Einheit ein Zehntel der gegnerischen Kräfte an. Daher bist du dem Gegner
zahlenmäßig überlegen."
Ich habe diese beiden Aussagen extra in diese Reihenfolge gesetzt, da durch die Reihenfolge auch der Unterschied, zwischen den beiden Betrachtungsweisen deutlich wird. Der westliche Ansatz, beginnt wie immer an der Grundlage und zieht dann solange die Folgerungen aus diesen Aussagen bis man am Ende ankommt. Der fernöstliche Lösungsansatz beginnt am Ende und folgert dann solange bis er am Anfang angekommen ist. Dies ist der elementare Unterschied. Beide Aussagen stehen exemplarisch für diesen Unterschied. Zieht man die erste Aussage weiter, kommt man am Ende zur zitierten Aussage von Sun Tzu; umgekehrt verhält es sich ebenso.
Mein Motiv für den Fussball liegt in der Lösung der Herausforderung, die die Position Torwart stellt. Eine absolut sinnlose Herausforderung, die erst durch die Anwesenheit des Rests der Mannschaft einen Sinn ergibt. Dieses Motiv ist die Grundlage meines Handelns sowohl als Torwart, als auch als Torwarttrainer.




Zitieren