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Thema: Grundstellung: Still erwarten oder aktiv stehen?

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  1. #22
    Nationale Klasse Avatar von nik1904
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    Dann mache ich mich auch mal zum Ecdicus der abwartenden Haltung. Es gibt sicherlich individuelle Wege, aber ich selber habe die Erfahrung gemacht, dass der Hüpfer oder sogar Sprung auf folgende Weise seinen Ursprung hat: Der Torwart hat einen Trainingstag erwischt, an dem nichts zu klappen scheint. Sei es wegen eines Arbeits- oder Schultages am Schreibtisch oder Müdigkeit oder was auch immer - jeder Ball scheint unerreichbar an einem vorbeizufliegen. Es ist, als hätte man unsichtbare Ketten an den Beinen, die einen auf dem Boden halten. Die Reaktion: Der Torwart versucht, durch Aggressivität, Bewegung und eine einleitende Sprungbewegung dieser Ohnmacht zu entkommen. Tatsächlich hält er dadurch anfangs mehr Bälle oder er hat das Gefühl mehr Bälle zu halten, weil er aus der Bewegung heraus und dann ausnahmsweise mit dem richtigen Timing seiner körperlichen Lethargie entgegenwirken kann. Manchmal wird dabei auch eine fantastische Parade bei rauskommen. Aber eben nur, wenn das Timing haargenau passt. Die Spirale geht los und am Ende ist es so, dass der Torwart den Sprung oder Hüpfer in seinen automatisierten Bewegungsablauf integriert hat.

    Tatsächlich bringt der Sprung nur in seltenen Fällen etwas, wenn es angebracht ist, rasend schnell die Distanz zum Schützen zu verringern. Das aber ist ganz gewiss nicht die Regel. Der "Hüpfer", "Hoppler" oder was auch immer als wirkliche Einleitung der eigentlichen Aktion muss zwei zentrale Bedingungen erfüllen: Der Torwart muss genau in dem Moment mit beiden Füßen auf dem Boden sein, in dem der Schuss erfolgt. Und der Sprung muss in einer Grundhaltung enden, bei der das Gewicht auf den Vorderfüßen liegt sowie von wo aus der Torwart gleichmäßig nach llinks und rechts reagieren kann. Denn sonst verliert er wichtige Zeit. Wenn sich ihm die Richtung erschließt, wohin der Ball gehen wird, ist die Sache oft schon gelaufen oder es bleibt nur noch eine technisch unsaubere Aktion als Ausweg. Siehe z.B. Mielitz bei dem Schweinsteiger-Schuss in München oder das genannte Beispiel Fromlowitz: Selbst auf diesem Niveau ist zu sehen, wie unglaublich schwierig es ist, das Timing zu beherrschen.

    Ich garantiere Dir, amelie, dass Du am Ende mehr Bälle halten wirst, wenn Du den Ball in einer tieferen Hocke erwartest. Die richtige Reaktion auf das Gefühl, dass man meint, man würde jedem Ball nur hinterher gucken, ist ruhiger zu werden und sich noch mehr darauf zu konzentrieren, was der Ball direkt nach der Schussausführung macht. Das ist nicht leicht! Ich selber habe mich hier im Forum davon überzeugen lassen, entgegen meiner damaligen Überzeugung den Sprung wegzulassen. Ich hatte damit richtig zu kämpfen, mich zurückzunehmen und abzuwarten, was der Ball wirklich macht. Für mich hat sich das wirklich ausgezahlt. Ich fokussiere als positiver Nebeneffekt den Ball besser, was dazu führt, dass ich noch frühzeitiger erkenne, wohin ein Schuss gehen wird.


    Die Logik ist scheinbar so, dass die Bewegung dazu führt, quasi in einer Anlaufphase für die Aktion zu sein und damit schneller und besser (re-) agieren zu können. Das ist Quatsch. Denn tatsächlich bringt es nur in einem Bruchteil der denkbaren Aktionen einen Vorteil. Ich bin im 1gegen1 wirklich gut, weil ich mir über Jahre antrainiert habe, eine offensive und gleichwohl abwartende Position einzunehmen, bevor der Gegenspieler abschließt bzw. sich zu einer anderen Aktion entschließt. Ich wäre niemals darauf gekommen, ständig dem Gegenspieler entgegenzuspringen. Wenn ich das nun in dieser Situation für unsinnig halte, dann muss ich mir schon fast vorwerfen, jahrelang gemeint zu haben, ich würde in einer "normalen" Schusssituation mit einem Sprung oder Hüpfer besser zurechtkommen. Wie gesagt, es ist eine Frage des Timings, das gar nicht so gut sein kann, um die Nachteile dieses Verhaltens aufzuwiegen.


    Noch dazu ist es (laut Meinung eines befreundeten Diplomsportlers) sportwissenschaftlich absolut zielführend, die Muskeln durch die tiefe Hocke auf die Aktion vorzubereiten. So wie Steffen das sagt. Natürlich reden wir hier nicht über ein bewegungsloses Warten auf den Ball. Zunächst ist es im Spiel außer bei Standards absolut praxisfremd, dass sich eine Situation ergibt, in der der Torwart „steht“. Ich persönlich versuche beim Torwarttraining oder bei Schussübungen, bei einem Stand etwas breiter als Schulterbreite mit zwei, drei minimalen Steps und dem Gewicht auf dem Vorderfuß meine Aktion vorzubereiten. Sekundenbruchteile bevor ich mit einem Schuss rechnen muss, gehe ich in die Hocke und versuche ganz bewusst, den Ball zu fokussieren und extrem schnell zu erfassen, wohin er geht. Dann folgt die Anfangsbewegung, die so ungefähr so aussehen dürfte, wie Steffen das gerade beschrieben hat. Das hört sich am Ende nach einem schrecklich statischen Verhalten an. Doch in der Realität ist es ein fließender Ablauf, der nur minimal unterbrochen ist und sich problemlos in Spielsituationen integrieren bzw. dort reproduzieren lässt. Das Zeitfenster, in dem ich wirklich auf den Ball „warte“, ist sehr klein. Auf diese Weise halte ich zum einen Bälle, bei denen ich früher auf dem falschen Fuß erwischt wurde, bzw. bei denen ich wegen des Sprungs noch nicht wieder richtig auf den Füßen stand. Ich spekuliere zum anderen erheblich weniger. Ich führe die Techniken (ob Hechten, Tauchen, tiefer Umarmungsgriff…) konstant sauberer aus. Und indem ich das Verhalten auch bei Standards anwende, habe ich dabei eine erheblich bessere Quote gefangener oder effektiv gefausteter Bälle. Und nicht zuletzt: Ich habe im Training eine Leitlinie, die mich immer wieder in die Lage versetzt, mich selbst quasi zu „resetten“.


    Probiere es mal ernsthaft und Du wirst nach einer gewissen Zeit, in der Du Dich fast schon zurückhalten musst, eine merkliche Verbesserung in Deinen Aktionen erkennen. Hilfreich ist, sich auf den Treffmoment zu konzentrieren und wo der Ball hingeht. Wenn Du ganz genau hinsiehst, wirst Du bei vielen Top-Torhütern erkennen, dass sie darauf aus sind, die Füße im Moment des Schusses auf dem Boden zu haben. Der Eindruck, sie würden versuchen, aus der Bewegung heraus zu agieren täuscht, da sich der Torhüter selbstredend im ständigen Verschieben zur Spielsituation befindet.
    Geändert von nik1904 (01.12.2010 um 14:16 Uhr)

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