Alter ist keine Begründung an sich. Natürlich gibt es biologische Grenzen, die es erschweren, das Torwartspiel spät zu erlernen, nach Jahren wieder anzufangen oder bis 40 auf dem Platz zu stehen. Denn es gibt alterungsbedingt keine unendlich beizubehaltende Schnellkraft und Beweglichkeit. Doch wie sagte ein älterer Freund immer: „90 % aller Begründungen, die auf das Alter abzielen, sind Ausreden."

Ich bin ein End-Dreißiger und halte meine vereinsinterne Konkurrenz trotz großen Talents (bis Ende A-Jugend Verbandsliga) sehr locker auf Distanz. „Locker“ ist zweifelsohne eine nicht ganz richtige Beschreibung. Denn da kommen einige Dinge zusammen, die kollektiv dafür sorgen, dass ich sogar noch ein paar gute Jahre vor mir habe.

Zunächst und das ist das Allerwichtigste: ich will mich ständig verbessern. Das betrifft die Technik, mein Mitspielen, Strafraumbeherrschung und Fitness. Egal welcher Sport, ich will besser werden und gewinnen. Außer beim Skifahren kann ich mir gar nicht vorstellen, jemals einen Sport mit Freude zu betreiben, bei dem ich nicht im Wettkampf stehe. Ich weiß, dass es mir unmöglich sein wird, meine körperliche Leistungsfähigkeit in drei, vier Jahren auch nur bei status quo zu halten, geschweige denn zu entwickeln. Doch zum Glück ist das Torwartspiel so komplex, dass die Kraft eine wichtige Komponente ist, aber eben nur eine von vielen. Das Gesamtprodukt meines Trainings, meiner – im positiven Sinne – Automatismen und meiner Erfahrung kann sich im unteren und mittleren Amateurbereich noch über drei oder vier Jahre verbessern. Und nur entscheidend ist, welchen Beitrag ich als Torwart zum Mannschaftserfolg beitragen kann.

In unserem Fußballkreis haben wir anerkanntermaßen drei Torhüter, die ein ganzes Stück vor den anderen stehen. Der Jüngste ist Anfang 20 und wird einen richtig guten Weg gehen, zumal er gerade in die Bezirksliga aufgestiegen ist. Der Älteste ist 42 und der Dritte im Bunde bin ich. Wie also kommt es, dass zwei Torhüter dabei sind, die sich im fußballerischen Methusalemalter bei einer Konkurrenz von geschätzten 150 jüngeren Torhütern im Kreis so positiv positionieren können? Die Antworten: Spaß, Enthusiasmus, Können, Veranlagung, Verrücktheit und eine ordentliche Portion Glück, sich nicht irgendwann karriereentscheidend verletzt zu haben.

Es ist schlicht falsch, sich damit abzufinden, dass Jüngere die besseren Voraussetzungen haben. Denn die allein machen diese nicht zu guten oder sehr guten Torhütern bzw. zu besseren, als man es auch mit Ende dreißig oder Anfang 40 sein kann. Ich befinde mich körperlich in einer besseren Konstitution, als das jemals der Fall war. Ja, ich wäre gerne 15 Jahre jünger und hätte die Erfahrungen zur Verfügung, die ich jetzt habe. Dann wäre hinsichtlich der körperlichen wie sportlichen Entwicklung ganz natürlich noch viel, viel mehr möglich. Ich muss hingegen erheblich mehr machen als jüngere „Kollegen“, um mein Level zu halten oder mich hier und da sogar noch zu verbessern.

„Dank“ meiner Bandscheibe bin ich gezwungen, so viel in saubere Technik, Stretching und Krafttraining zu investieren, wie ich das als junger Mann nie getan habe. Und wenn ich damals Kraft bolzte, war das größtenteils für das TW-Training vollkommen sinnlos oder sogar kontraproduktiv. Da ging es mehr um gutes Aussehen im Freibad, denn darum, die optimalen körperlichen Voraussetzungen für das Torwartspiel zu schaffen. Heute mache ich diese Dinge mit Sinn und Verstand – und mit Konsequenz. Dabei geht es primär darum, nie wieder solche Schmerzen zu haben. Dass ich als sekundäre Folge mindestens fünf Jahre mehr aktiven Fußball geschenkt bekomme, als ich das ohne die leidvolle Erfahrung des Bandscheibenvorfalls gehabt hätte, nehme ich gerne mit.

Da ich weiß, dass ich länger brauchen würde als ein 25jähriger, um wieder auf 100 % zu kommen, achte ich zum Beispiel schon seit Saisonende darauf, dass ich körperlich so gut wie austrainiert bin, bevor die Vorbereitung beginnt. Darüber hinaus trage ich der realistischen Einschätzung Rechnung, dass die Verletzungsanfälligkeit durch Verschließ steigt und man dem nur durch Fitness entgegen wirken kann.

Solange ich Sport mache, halte ich locker mein „Kampfgewicht“ von 79-81 kg bei 1,90 m Größe. Das sind so in etwa die gleichen Proportionen wie bei einem Rene Adler. Dafür allein muss ich mich zum Glück nicht quälen wie unser zweiter Torwart, der nach fünf Wochen Pause jeden Sommer und Winter mit 10 Kilo zu viel in den ersten Einheiten leiden muss wie ein Schwein. Er könnte besser sein als ich oder mittelfristig zumindest gleich gut werden, doch realistisch gesehen verbessere ich mich noch, während er stagniert. Die Schere geht (noch) weiter auseinander, anstatt dass sie sich schließen würde…

Ich habe noch nie riesige Muskelberge aufgebaut, sondern bin eher drahtig veranlagt. Ich baue vor allem Kraft auf. Ich bin trotzdem ganz eindeutig ein Springer und Sprinter. Auch das schlägt sich positiv nieder. Nicht jeder Torwart ist neben dem Bewegungstalent oder der erforderlichen Beweglichkeit auch tatsächlich zu Schnelligkeit und Sprungvermögen veranlagt. Mehr Muskelmasse wäre schon ganz nett, denn das würde sich im Rückenbereich noch stabilisierender auswirken. Doch ich bin mit meiner Größe und passabler Figur kein Hänfling, der sich im Luftkampf als Opfer eignet. Und: man darf nicht vergessen, dass die stabilisierende Wirkung größerer Muskelmasse bei vielen torwartbedingten Belastungen durch das zusätzliche Gewicht mehr als aufgefressen wird.

Muss ich irgendetwas machen, was mich quälen würde? Nein, denn ich bin kein Asket oder kasteie mich selber mit Enthaltsamkeit. Ich esse eigentlich sogar eher ungesund, weil (viel) zu viel Fleisch, Chips, Pommes, Eis... Ich bin ein Genießer und trinke abends mein „Gute-Nacht-Kölsch“. Nur eines halte ich eisern ein: jeden Tag konsequent zu versuchen, meinem Körper viel Obst und Gemüse zuzuführen und alles, was er durch Training etc. verliert. Und ich trinke jeden Tag fünf Liter Flüssigkeit – mindestens.

Eines noch ist unerlässlich in einem Sport, bei dem man viel mit jungen Leuten zu tun hat, deren Vater ich sein könnte: Zu was man veranlagt sein muss und wofür ich unendlich dankbar bin, ist eine jungenhafte und jugendliche Art, die mir den Umgang mit teils viel jüngeren Mitspielern erleichtert. Auch das ist wichtig, um in einem Mannschaftssport als Sportler und als Charakter bis ins gesetztere Alter „überleben“ zu können. Dass ich als Familienvater und ob meines Alters mehr Reife und Lebenserfahrung habe, stört in dem Verhältnis nicht. Im Gegenteil, ich nutze das, um meine eigene Art perfekt in die Symbiose eines guten Teamgeistes einfließen zu lassen. Ich werde bis zu 10 Jahre jünger geschätzt, als ich bin. So fühle ich mich auch. Gute Gene…

Und wozu diese Ausführungen? Um alle "alten Säcke" dazu zu bringen, so lange wie möglich Spaß an der Herausforderung zu haben, den jüngeren Keeperen in den Hintern zu treten

Und an pd1978us: Bock zu haben auf das, was Du da vorhast, ist das Wichtigste. Ohne Freude am Torwartspiel würde ich niemals so gut sein wie ich bin geschweige denn überhaupt noch spielen. Gräme Dich nicht, wenn der Jüngere erstmal spielt. Du kannst auch als „Zweiter“ wichtig für die Mannschaft sein und die Erfahrung lehrt, dass der andere/ältere Keeper ganz fix seine Chancen bekommen kann. Die Lust am Training, an der Zugehörigkeit zu einem Verein und dem Spielerkader sowie die Befriedigung zu merken, dass Du trotz Pause und Alter noch Potenzial zu deutlichen Verbesserungen hast, werden Dir schnell das Gefühl geben, dass Dein Comeback richtig war. Und wenn nicht? Was hast Du dann verloren außer vielleicht ein paar Pfunde…