übergreifer,
taktische Überlegungen des Torwartspiels gab es schon immer wieder mal.Man denke nur an die Hallen oder Bolzplatzzeiten, wo man gern mit einem Feldspieler im Tor oder mit einem sogenannten "Fliegenden Torwart" agierte. Schon damals wurde unter Umständen ein mitspielener Torwart, oder ein Feldspieler mit Torwartfähigkeiten hoch geschätzt.
Problem dabei ist dann allerdings oft, daß sich bei solchen Dingen einfach Lücken öffnen. Denn geht etwas schief, dann rennt man dem Rückstand hinterher.
Diese Dinge muss man einfach abwägen - und daraus ergibt sich die logische Summe. Ich kann mit einem Feldspieler im Tor nur dann gewinnen, wenn ich vorn eins mehr mache, wie ich hinten bekomme. Das ist nun mal der Fakt. Denn aus den Spielen mit dem "fliegenden Torwart" kennt man die Probleme des 1gg1 vor dem Strafraum, oder die Ballverluste in der Vorwärtsbewegung, die in schnellen Tempogegenstößen ähnlich dem Handball zum Gegentreffer führten.
Mit einem reinen Torwart passiert mir das nicht, aber ich bin halt "einer weniger auf dem Feld". Wie weit kann und soll ich also den Schieber verschieben, damit ich eben nicht in die Version oben gelange, wo ich dann ggf. durch schnelle Aktionen ausgekontert werde und mein Spiel im Debakel endet? Wie stark soll ich den Torhüter einbinden - und vor allem: Habe ich im eigenen Aufbauspiel die Präzision und Ballsicherheit, aber auch Geduld?
Inzwischen ist es ja oft so, daß man Mannschaften sieht, die sich allein mit Klein Klein am liebsten ins Tor kombinieren möchten. Der hohe Ballbesitz kann aber nicht immer in Tore umgesetzt werden, nicht weil ich vielleicht anfälliger für Konter werde, sondern weil ich auf einmal in einem extrem engen Raum einfach nicht mehr weiter vorwärts komme, ich kann mich nichts "ins Tor kombinieren"...

Viele setzen beim Fussball viel zu viel Gewicht auf Kavalerie und Infantrie. Schnelle Vorstöße, kurze Passwege und ein gemeinschaftliches Erobern der Räume - bis eben vor das Hauptquartier des Feindes.
Wo man früher gern ein paar Kavalleristen hatte und mit der Artillerie die Hauptbereiche des Feldes übnerbrückte, hat man heute kaum mehr Artillerie. Die Grabenkämpfe um den gegnerischen 16er werden daher heftiger und gandenloser. Dabei ist der Raum in der Feldmitte doch letztendliches totes Gebiet. Es nutzt mir nichts, dieses große Gebiet im Rücken zu haben, denn es verhilft mir dessen Besitz nichts zwangsweise zum Sieg. Was fehlt, ist nach dem raschen Vorstoß die nachgerückte Artillerie, die ggf. eine Bunkerstellung aufreisen kann, bis eben in die tiefste Reihe vordringt. Sie muss nicht sofort Wirkungstreffer haben, die zum Fall des gegnerischen Hauptqurtiers führt, aber allein die Unruhe, die diese in die tiefen Defensivreihen bringt, schafft Lücken und Räume für rasche und hochwirksame offensive Vorstöße.
Wie oft kann man erkennen, daß nicht bloß die schaffen Vorstöße von der Grundlinie in den Rücken gefährlich sind, sondern gerade die Flugbälle aus dem Halbfeld von aussen in die zentrale Defensive oft Probleme bringt, weil dies komplex und schwer zu verteidigen ist. Wie wichtig wird hier ein Torwart, der hier in der Defensive stark ist, und auch unter Artillerie Beschuss Sicherheit garantiert?

Man darf es sich gern ansehen - und die Taktiktafelschieber wollen es bloß nicht wahr haben: Spieler machen Fehler, weil diese eben nicht kleine Magnetplättchen auf einer pulverbeschichteten Eisenplatte sind. Und ein Spiel ist nicht, daß ich diese Plättchen hin und her schiebe, ein Spiel ist dynamisch und braucht bestimmte Dinge. Oft sieht man, daß erst das wiederbesinnen auf bestimmte, oft als Altbacken beschimpfte, Prinzipien erfolgreich sind.
So ist der Einsatz der Artillerie inzwischen wieder häufiger zu finden, nicht für lange Felderoberungen - sondern gezielt und sichere Angriffe der hintersten Defensivreihe. Und die weit aufgerückten Verteidiger werden überrascht und haben auf einmal das Nachsehen... und der "Fliegende Torhüter" muss einfach feststellen, daß er zwar gern Fussball spielt, aber doch in der Defensive plötzlich Lücken reißt, die nicht zu stopfen sind - denn auch ein 0:1 bedeutet, bei aller Taktik, verlorene 3 Punkte und ein Dreckiges 0:0 sind immer noch ein gewonnener Punkt.

Halten wir also fest: Man darf es eben nicht übertreiben - aber grundsätzlich auch keinesfalls vernachlässigen. Doch bevor man immer an der Tw Position schraubt, sollte man mal wieder sehen, warum das erzielen von Toren in der Jugend mit Tempogegenstößen so klasse funktioniert und warm dieses Prinzip im Alter plötzlich ein völliger Fehlschlag sein kann.

God bless the artillery!
Artillery conquers, Infantry only ocupies!