Dieses Denken ist mir zu schwarz-weiß. Die Zielverteidigung ist das Fundament, die fußballerischen Fähigkeiten das Dach.

Was ist, wenn ich eben durch die fussballerischen Fähigkeiten einen Teil der Zielverteidigungsaktionen vermeiden kann? Spiele ich z.B. in der Mannschaft, die die Spielkontrolle zurückerlangen will und der Gegner drückt, können gezielte Abwürfe, Pässe etc. den Ballbesitzanteil zugunsten meines Teams steigern, sodass der Gegner weniger Offensivaktionen haben kann. Kloppe ich jeden Ball lang weg, entscheidet der Zufall, wer danach den Ball bekommt und ich bekomme das Spiel nicht unter Kontrolle.

Um es auf dein Beispiel zurückzuführen (von mir aus doch Fundament und Dach): Was nützt es mir, wenn das Fundament sicher ist und mir kein Wasser in den Keller läuft, dafür aber das Dach undicht ist und ich bei jedem Regen von oben nass werde?

Ein Haus ist ein Gesamtpaket, wo in jedem Bereich gewisse Anforderungen erfüllt werden müssen. Wenn die erfüllt sind, dann kann ich gucken, wo sich zusätzliche Arbeit besonders auszahlt.

Und jetzt sind wir beim Gewichten der Einzelelemente über die Grundanforderungen hinaus. Wer sagt denn, dass es wichtiger ist, bei Torschüssen noch den mm weiter ins Eck zu kommen um noch ein bisschen unhaltbarere Bälle zu parieren als das Spiel mit dem Fuß am Ball zu verbessern? Es geht jetzt nicht um "ein Tor mehr schießen als die Anderen", sondern um schlichte Wertung von Weiterentwicklung in den beiden Bereichen.
Letztlich muss ich wieder theoretisch werden, aber man kann daraus Rückschlüsse auf die Praxis ziehen.
A) Der Torwart investiert X Trainingsstunden in Zielverteidigung. Dadurch wird er darin Y% besser und hält pro Saison Z Bälle mehr.
B) Der Torwart investiert B Trainingsstunden in Fussballerische Fähigkeiten und wird darin C% besser. Dadurch schießt sein Team D Tore mehr.

Was besser ist, hängt davon ab, welchen Wert die Variablen jetzt annehmen? Aber nochmal: Warum sollte ein Torwart viel Zeit investieren, um den allerschwersten Ball um den Pfosten zu kratzen, wenn so ein Ball vielleicht 1x pro Saison kommt (klar, das kann im CL Finale bei 0:0 in der 89. sein), wenn er die Zeit auch investieren kann, sich fussballerisch zu verbessern und dem Team damit eher weiterhilft?

Wie gesagt, es hängt von den Fähigkeiten des TW ab, was man gerade mit besonderem Augenmerk verfolgen und verbessern sollte. Ihm z.B. zu zeigen, wie herum man die TW-Handschuhe anzieht, dürfte wichtiger sein als das Erlernen von Flugbällen über 75m. Aber auch andersherum gibt es ähnliche Beispiele.

Fakt ist: Die Rolle des Torwarts ist anders als von 13 Jahren. Nach heutigen Maßstäben würden wir Kahn kritisieren nach den Spielen, weil seine Passquote zu niedrig ist. Das Spiel in der Zielverteidigung unterscheidet sich dagegen nicht unbedingt krass von der heutigen Weltspitze. Insgesamt würde ich daher sagen, dass sich die Rolle des Torwarts erweitert hat. Die Ansprüche sind insgesamt gestiegen und wurden nicht umgewichtet.