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Thema: Ein Plädoyer gegen das (gar nicht mehr so) moderne Torwartspiel

  1. #51
    Amateurtorwart
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    Zitat Zitat von twtrainer Beitrag anzeigen
    @Marsson

    Ja, es kommt in Ausnahmefällen schon mal vor, dass ein richtig gutes Talent ins Tor darf!

    Aber im Regelfall heißt es: "der ist zu stark auf dem Feld ... der darf nicht ins Tor ..."!

    Von der Vorstellung, dass der "dicke Paule" die ideale Torbesetzung ist, können sich viele Trainer nicht lösen. Man ist sich dabei besonders sicher, weil der ohnehin keine andere Wahl hat in die Mannschaft zu kommen. Außerdem hat man die Erfahrung, dass später sowieso stärkere Keeper kommen werden.

    Allerdings muß dabei festgestellt werden, dass selbst die talentierten Keeper sich deshalb häufig nur unzureichend weiterentwickeln, weil sie im Gegensatz zu ihren Kollegen auf dem Feld kein qualitativ hochwertiges Training bekommen. Das gibt es, wenn überhaupt nur in den NLZ! Auf dem DFB-Stützpunkt gibt`s das mehrheitlich noch nicht. Aufgrund des Reformstau`s dort hat man sich noch nicht einmal auf Selektionsmerkmale für den Torwart einigen können. Aber das soll wie niemand daran hindern, sich schon mal Torhüter auszusuchen

    Hinzu kommt, dass eine sehr frühe Vergabe des Stammplatzes auf der Torwartposition fast nur Nachteile hat. Denn das Mitspielen erlernt man in diesem Altersbereich sehr viel besser auf dem Feld als auf der Torlinie. Die Keeper sollen sich meist nach dem Willen ihrer Trainer an der Torlinie aufhalten, damit kein hoher Ball ins Netz geht. Der Trainer kennt fast immer nur die Abwehraktion mit lang ausgestreckten Armen. Je nach Altersgruppe erwartet er ein abklatschen oder fangen.

    Es braucht hier sicherlich noch kein Torwarttraining. Dazu sind die Konzentrationsphasen noch zu kurz. Allerdings kann man 10 Minuten lang Torwartübungen mit allen Teilnehmern alle 14 Tage ins Mannschaftstraining integrieren. Das hat den Vorteil, dass man gefahrlos jeden, der möchte, ins Tor stellen kann. Daraus wird sich ein Kreis von Teilnehmern mit der Zeit bilden, die über den Spaß an den Torwartaufgaben mit mehr Eigenmotivation die Neugier befriedigen möchte, sodass hier eine besondere Förderung lohnenswert wäre.

    Wenn man denn den Nachwuchsbereich reformieren möchte, dann wäre es mein Wunsch, erst nach einer sehr breit aufgestellten Ausbildung mit wechselnder Aufgabenverteilung mit einer Positionsausbildung zu beginnen. Damit einher gehend sehe ich frühen Leistungsdruck zur Erzwingung höherer Leistungen fast immer als kontraproduktiv. Denn wer wird etwas riskieren, um über sich hinaus zu wachsen, wenn ihm jeder Fehler angekreidet wird? Im unteren Jugendbereich sollte in einer angstfreien Umgebung die Möglichkeit geschaffen werden den Fussball kennenzulernen, um darin eine Leidenschaft entwickeln zu können.

    Natürlich wollen sie Kinder dabei messen! Allerdings geht es ihnen dabei nicht darum, den Gegner niederzukämpfen und durch einen Sieg vernichtend zu schlagen (wie man dies aus der Sportberichterstattung so kennt), sondern dabei spielerisch möglichst viel an Erfahrungen mitzunehmen.

    Dem entgegen steht jedoch eine von Erwachsenen geführte Kommerzialisierung des Kinderfussballs, der auch an den jungen Torwarttalenten nicht vorbei führt. Man möchte aus der Quantität vorhandener Talente eine Qualität an kapitalisierbarer Masse schaffen, durch die im Jugendbereich einerseits das Image gepflegt wird, andererseits NLZ-Budget amortisiert wird.

    Da kommen schon 11-jährige mit Beratern, weil es nirgendwo eine neutrale Beratung gibt. Sie verlangen 10 % Provision von den 250 -300,- monatlichem Taschengeld (was bereits die Fahrtkosten zum Training und den Spielen enthält)! Aber niemand nennt es Geschäft!

    Wir sind es selbst, die die Eskalationsschraube immer schneller drehen. Statt wie in der Schule den Kindern zunächst unterschiedliche Aufgaben zu geben, findet bereits früh eine Positionsausbildung statt. Hierbei wird stets davon ausgegangen, dass die Eignunung auch den Neigungen des Kindes entspricht.

    Es treffen auf dem Fussballplatz 2 Welten aufeinander, die nicht immer harmonieren. Der Trainer, der seine Erfahrungen aus dem Seniorenbereich in den Kinderfussball überträgt und die Kinder, die einfach spielen wollen. Wenn dann Ergebnisfussball auf Erlebnisfussball trifft, dann kann es sogar man nach einem Schiedsrichterpfiff vorkommen, dass ein Kind meint: "Schiedsrichter, das war kein Aus". Wenn dann der Schiedsrichter entgegnet: "wer meckert, kann bestraft werden", kann ih die Antwort: "aber wir haben in Deutschland doch Meinungsfreiheit" ungeahnt in Erklärungsnotstand bringen. Wer fragt sich schon, wie Kinder denken?
    tja... leider alles wahr, was Du schreibst...
    Der Teppich hat das Zimmer erst richtig gemütlich gemacht...

  2. #52
    Amateurtorwart
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    Allerdings gibt es durchaus Beispiele dafür, dass man sich Gedanken über eine bessere Unterstützung der Torhüter macht.

    So gibts seit 2017 eim FVM eine Studie über eine Anpassung der Torhöhe für den untersten Jugendbereich. Dabei wird ein Netz in den obersten Torbereich gehängt, sodass das Tor nur noch 1,65 Meter (statt 2 Meter) hoch ist. Erste Erfahrungen damit zeigen, dass weniger hoch aus der Distanz geschossen wird, sondern spielerische Lösungen gesucht werden, um aus kürzeren Distanzen den Torwart zu fordern. Denn eine Förderung gelingt dann am besten, wenn auch der Torwart immer eine realistische Chance hat, einen Ball erfolgreich abzuwehren.

    Schon seit einigen Jahren gibts im F-Jugend - (mancherorts auch im E-Jugend) Bereich die Fairplay-Liga. Dabei wird besonderer Wert darauf gelegt, den Kindern ihren Fussball zurück zu geben. Konkret mündet dies in mehreren Veränderungen:
    1. Fanzone (Zuschauerzone)
    Die Zuschauer (meistens Eltern) sollen sich ca. 15 Meter vom Spielfeld entfernt aufhalten. Durch die größere Distanz hofft man, dass weniger ins Spiel hinein gerufen wird. (es hat leider immer mal wieder sogar Pyrotechnik und Prügeleien unter den Erwachsenen gegeben, obwohl es in dieser Altersklasse eigentlich nur um die Goldene Ananas geht.

    2. Spiel ohne Schiedsrichter
    In dieser Altersgruppe gab es früher meist Laienschiedsrichter, an deren Entscheidungen es Verärgerungen unter den Zuschauern gab. Nunmehr sollen die Kinder (wie im Straßenfussball) selbst entscheiden und dabei Verantwortung übernehmen. Selbst, wenn sie mal aus Mangel an Regelkenntnissen falsch entscheiden, soll dies im Spiel nicht korrigiert werden, sondern beim nächsten Mannschaftstreffen thematisiert werden. Im Auswahlbereich wird schon seit Jahren auch in anderen Altersgruppen häufig ohne Schiedsrichter gespielt. Dort klappt es prima. Denn wie uns aktuell nach der Einführung des Videobeweises gezeigt wird, irren auch Profischiedsrichter in spielentscheidenen Situationen. Wenn hier schon früh der Fairness-Gedanke transportiert wird, dann kann das durch die Akteure selbst geleitete Spieler besser werden, weil der Versuch einer Täuschung (z.B. Schwalbe) unterbleibt.

    3. Coachingzone (Trainerzone)
    Die Trainer beider Mannschaften halten sich in der Coachingzone auf. Ihre Aufgaben bestehen zwar weiterhin in der Betreuung ihres Teams (Ein-Auswechselung, Lob und kleine Hinweise). Auch sollen sie gemeinsam entscheiden, wenn die Kinder sich mal nicht einig werden können. Gerade durch die räumliche Nähe sollen die Trainer dazu animiert werden, sich zu benehmen. Denn manche Trainer drehen schon nach wenigen Spielminuten total am Rad! Ein Trainer läuft wild gestikulierend am Spielfeldrand auf und ab, während sich der andere Trainer neben den Torpfosten positioniert, um dem Keeper Anweisungen (z.B. rauslaufen, Anspielpartner bei Abschlag, Abstoß)zu erteilen. Hin und wieder erteilt er dem Keeper sogar eine Ansage (z.B. "Jan-Luca, wie oft hab ich dir gesagt, dass du ... nicht machen sollst"?)

    4. Keine Tabellen
    Es wird lediglich festgehalten, ob das Spiel gewonnen, verloren oder unentschieden endete. Egal, wie hoch es war, wird lediglich 1:0 , 0:0 oder 0:1 eingetragen. Damit soll den Trainern, die bei schwächeren Gegnern alles dran setzen, um zweistellig zu gewinnen, der Spaß genommen, sich selbst darüber profilieren zu wollen. Denn dieser Trainertyp sagt: "Ich habe das Spiel 11 : 0 gewonnen", aber "meine Mannschaft hat das Spiel 0 : 11 verloren"! Doch Kinder in dieser Altersgruppe sehen das Erlebnis eines Spiels ganz anders. Schon 1 Stunde danach meint das Kind, es hätte das Spiel gewonnen und selbstverständlich war er der beste Spieler. Deshalb wird man mal Profi und Nationalspieler. Das Kind lügt aber nicht - es hat lediglich über seine Erlebnisse gesprochen.

    Natürlich hätten unsere Jüngsten für den Start in den Vereinsfussball bessere Trainer verdient! Denn auch die Fairplay-Liga findet nicht nur Freunde. Da gibt es Trainer in Staffeln, die private Tabellen führen, weil man sich untereinander messen möchte! Sie würden die Fairplay-Liga am liebsten von heute auf morgen abschaffen, weil es nach ihrer Meinung etwas für Weicheier ist. Denn ein richtiger Kerl kann nur werden, wer den heißen Atem seines Trainers in jeder Minute des Trainings und des Wettkampfs spürt, um Befehle gehorsam auszuführen. Dazu zählt selbstverständlich auch der Schiedsrichter, dessen Weisungen zwar noch nicht verstanden werden, aber dennoch unverzüglich umzusetzen sind.

    Aber lernen die Kinder nicht schon so früh genug, mit Ungerechtigkeiten klar zu kommen? Muß das denn auch noch in ihrem Hobby eine Fortsetzung finden? Soll der Fussball lediglich Fortsetzung von Schulunterricht sein, bei der es Strafen (z.B. Liegestütz, Rundenlaufen, usw.) gibt und Noten für gute und schlechte Leistungen (z.B. Stammplatz, Reservebank)?

    Doch kommen wir zurück zum Torwart als Teil der Mannschaft. Wenn es um das "Plädoyer gegen das (gar nicht mehr so) moderne Torwartspiel" geht, dann darf man weder die Vergangenheit noch die Gegenwart glorifizieren, sondern jeweils Licht und Schatten betrachten, um das Gute dabei zu bewahren und Neues zu wagen.

  3. #53
    Internationale Klasse Avatar von Icewolf
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    Stellt sich immer noch die Frage, ob die Keeper den Unsinn (@Topic) spielen, weil nicht vollends kompetente Trainer sie anweisen, oder weil sie ernsthaft meinen, dass es der beste Weg ist?
    Die Qualität des Breierzeugnisses ist reziprok proportional abhängig von der Quantität der partizipierten Köche.

  4. #54
    torwart.de-Team Avatar von Steffen
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    Zitat Zitat von Icewolf Beitrag anzeigen
    Stellt sich immer noch die Frage, ob die Keeper den Unsinn (@Topic) spielen, weil nicht vollends kompetente Trainer sie anweisen, oder weil sie ernsthaft meinen, dass es der beste Weg ist?
    Ice, was glaubst Du denn?
    Schaue ich mir die Spanier an, die haben überhaupt keinen "modernen Torwart", in England wird das immer wieder versucht, aber irgendwie geht das immer wieder schief. Wird für Leno sehr interessant... Tuchel jetzt bei Saint Germain - Aponse ist stark, auch fussballerisch, aber WARUM dann Buffon, ein Vertreter des "antiken Torwartspiels" überhaupt?

    Ich will gar nicht über die Bundesliga reden, wo man hier noch einem Wellenreuther die besten Zukunftsaussichten prophezeite, weil er so hoch steht und fussballerisch so überragend mitgespielt hat... Was ist mit Baumann, Sommer, Fährmann... alles keine Anti Fussballer, aber wirklich "moderne Torleute" wie das viele immer behaupten, oder doch anders?
    Lassen wir das, war nie eine Leuchte...

  5. #55
    Amateurtorwart
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    @Icewolf

    Zwar hab ich noch keine Statistiken darüber gefunden, wieviele begeisterte Nachwuchskeeper aufgrund von Trainern, die ihnen auf "traditionelle Weise" das Torwartspiel vermitteln möchten, irgendwann frustriert entweder aufs Feld oder aber gleich das Hobby wechseln, aber ich gehe mal davon aus, dass die Zahl derer, die irgendwann erkennen, dass es so, wie der Trainer es will, keinen Spaß macht, schon beträchtlich ist. Meistens findet diese Entscheidung in der D-Jugend statt, wo die Kinder den Erwachsenen nicht mehr alles für bare Münze abkaufen, sondern eigene Ideen entwickeln. Wenn zur C-Jugend hin andere Keeper kommen, dann haben die schon mal den kleinen Vorteil, meist schon bei etwas erfahrenen Trainern etwas mehr Verständnis für ihre Aufgaben zu finden.

    Allerdings ist es meine subjektive Wahrnehmung, dass jährlich immer weniger Nachwuchs-Keeper in den Seniorenbereich der Vereine im Breitensportbereich wechseln. Zwar hat auch hier der Einfluß von Sponsoren dazu geführt, dass man mit zusätzlichem Geld Keeper anderer Vereine abwerben konnte. Doch man hat erkannt, dass diese Methode mittelfristig das Problem nicht löst. Denn diese Söldner haben keine Vereinsbindung und ziehen für ein paar Euro mehr zum nächsten Verein. Für den Fortbestand im Breitensport sehe ich es als unerlässlich an, mehr für die Ausbildung im Nachwuchsbereich zu investieren. Das Problem ist aber, dass es nach der Denkweise vieler Vereisverantwortlicher nur eine Kostenerstattung für den Trainer der 1. Seniorenmannschaft geben darf. Allenfalls unterstützt man die steuerlichen Vorteile der "Übungsleiterpauschale". Aber davon profitieren eher gutverdienende Ledige, nicht sosehr Familienväter, Studenten, Schüler, Hartz-4-Empfänger. Von ihnen wird nicht nur verlangt, dass sie ehrenamtlich ihre Zeit dem Verein zur Verfügung stellen, sondern auch noch ihr privates Geld für den Trainerjob einsetzen.

    Der "Unsinn" nicht vollends kompetenter Trainer wird von den Vereinen indirekt unterstützt. Denn weil gute Trainer nicht kostenlos arbeiten, werden zusätzliche Gelder benötigt. Doch man befürchtet, dass eine Anhebung der Mitgliedergebühren gerade im Jugendbereich (wo ja die meisten Mitglieder sind, davon ein Teil nur noch passiv) zu Massenaustritten führen könnten? Weil jedoch die Zuschüsse der Kommunen und des DFB mitgliederabhängig gezahlt werden, kann man mancherorts sein Kind für einen Kasten Bier im Jahr anmelden.

    In den Niederlanden haben die Kommunen deshalb schon vor Jahren mit "sanftem Druck" ihre finanziellen Mittel an bestimmte Vorgaben gekoppelt. Auch werden Kredite (z.B. Kunstradenplätze) daran gekoppelt, dass die Vereine wieder zum Treffpunkt der Generationen werden, wodurch ihr sozialer Wert steigt. Hier hingegen kann man beobachten, dass zunehmend Fussballplätze leerstehen und vermutlich in einigen Jahren nur noch von vierbeinigen Rasenmähern kurz gehalten werden, weil man die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat.

    Es sind aber die Masse der Breitensportvereine, in denen unsere späteren Profis und Nationalspieler das Fussballspielen kennenlernen. Wenn aber dort aber schon gravierende Fehler gemacht werden, dann handelt es sich um eine Talentverschwendung mit Duldung von ganz oben! Das kann manchmal schon recht kurios ausschauen. Da bekommt der frühere Heimatverein einer Nationalspielerin eine 4-stellige Prämie vom DFB, die natürlich für die zukünfige Förderung investiert werden soll. Man läßt sich öffentlichkeitswirksam dafür feiern. Doch weder den DFB noch den Verein interessiert es, dass zwischenzeitlich der komplette Bereich des Mädchen- und Frauenfussballs in diesem Verein aufgelöst wurde.

  6. #56
    Internationale Klasse Avatar von Icewolf
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    Hab mich im Giefer-Thread schon etwas personenbezogener geäußert.
    Wenn ich den Fehler von Giefer sehe:

    Würdet Ihr sagen, dass man solche Bälle im Schlag verarbeiten muss?
    Oder besteht kein Zusammenhang zwischen dem Fehler und dem nicht ausreichend verwurzeltem Automatismus, so einen Ball zu verarbeiten?
    Ist das Konzentrations-Sache?
    Oder sind es falsche Schwerpunkte in Training und Spielanlage.
    Die Qualität des Breierzeugnisses ist reziprok proportional abhängig von der Quantität der partizipierten Köche.

  7. #57
    Amateurtorwart
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    Hallo Icewolf
    Ich kann dir dazu nur meine persönlichen Erfahrungen aus vielen Jahren Torwarttraining geben.

    Beim traditionellen Torwarttraining wurden häufig die defensiven (z.B. Fangen eines flachen Balles) und offensiven Aufgaben (z.B. Abschlag) getrennt trainiert. Im Vergleich zu den defensiven Aufgaben haben jedoch die offensiven Aufgaben durch den Wegfall des Libero`s zugenommen. Eine sehr häufige Variante der offensiven Aufgabe bestand darin den gefangenen Ball in ein Zielgebiet zu dreschen, wo ein großgewachsener, kopfballstarker Spieler den Ball an einen Angreifer weiterleiten sollte. Weil der Ball lange in der Luft war, spielte es kaum eine Rolle, ob das schnell oder etwas langsamer stattfand. Denn es kam ja lediglich auf den Gewinn des Kopfballduells an.

    Das "mitspielen" des Keepers verlangte weitere Fähigkeiten. Unter anderem sollte der Torwart eine Spielsituaition richtig erkennen, um daraus die bestmögliche Spieleröffnung abzuleiten. Das sollte selbstverständlich so rasch geschehen, damit die gegnerische Unordnung beim Umschalten von Angriff auf Verteidigung dabei ausgenutzt werden kann.

    Während es für die Feldspieler bereits in der Ausbildung normal war, komplexe Situationen unter Gegnerdruck zu traineren, wurde dies unter Zurhilfenahme von allerlei Trainngsmaterial simuliert. Hinzu kam, dass das TW-Training sehr häufig isoliert von der Mannschaft stattfand. Weil bei den Spielformen und dem Abschlußspiel nur der Chefcoach das alleinige Sagen hatte, gab es kaum nützliche Hinweise für den Keeper.

    Auch heute gibts ausreichend Trainer für die es wichtig ist, dass der Ball vom Torwart so weit wie möglich nach vorn gespielt wird, damit wenigstens der 2. Ball in den eigenen Reihen landet. Für den Rest ist die Mannschaft zuständig.

    Das heutige Torwarttraining unterscheidet sich deutlich von der traditionellen Form. Seinerzeit ging man davon aus, dass man allein durch die Häufigkeit der Wiederholungen einen Automatismus trainieren kann, wodurch die Fehlerquote so gering wie möglich gehalten werden kann. Heute weiß man, dass aus vielen Ballkontakten nicht automatisch auch gute Ballkontakte werden, wenn nicht ausreichend Wert auf die Detailarbeit von vollständigen Abläufen gelegt wird. In einigen NLZ ist man bereits dazu übergegangen in kleinen Gruppen die Nachwuchskeeeper mit spielnahen Situationen jeweils andere Aufgaben (als Torwart, als Defensivspieler, als Offensivspieler) zu verteilen, um dabei so intensiv wie möglich die korrekte Reihenfolge von Bewegungsabläufen zu trainieren und darüber hinaus Sicherheiten zu schaffen. Auf sehr gute Erfahrungen kann Mathias Novak (Bayern) verweisen, der im Multitaking das Gehirn trainiert, zunächst die Dinge in der richtigen Reihenfolge zu sortieren, um sie danach mit hoher Konzentration im Detail abarbeiten zu können. Manchmal sind andere TW-Trainer dafür notwendig, die sich mit neueren Trainingsmethoden auseinandersetzen (Beispiel BVB). Doch solche Möglichkeiten kleine, leistungsmäßig homogene Torwart-Gruppen zusammen zu stellen, hat nicht jeder Verein. Es gehört dann auch eine gute Kooperation zwischen den Chefcoaches und den TW-Tranern dazu.

    Es ist ein sehr breites Feld, worüber deshalb unterschiedliche Meinungen vertreten werden, weil man zu wenig flächendeckend gesicherte Erkenntnisse vorliegen. Gibt dabei auch unterschiedliche Vorstellungen darüber, ob ein Torwart für ein oder mehrere System besser ist?

    Es gibt zur Zeit sehr wenig richtig gute Nachwuchskeeper bei uns, die mal einen Neuer oder Ter Stegen ablösen könnten. Denn die beiden kann man fast schon als "Allrounder" bezeichnen. Leider gibt es aktuell viel zu wenig sehr gute Nachwuchskeeper, die die Beiden mal ersetzen könnten. Da haben wir viele Jahre großes Glück gehabt. Doch nun gibt es m.E Anlaß, sich mit alternativen Trainingsmethoden auseinander zu setzen. Was nützten sensationelle Torwart-Hechtparaden, wenn bei einfachen Bällen zu viele Fehler passieren?

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