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Thema: Aggressivitt frdern

  1. #1
    Freizeitkeeper
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    Standard Aggressivitt frdern

    Liebe Alle

    Ich habe das Anliegen, dass ein Nachwuchsspieler aus meiner Trainingsgruppe sehr talentiert ist, jedoch fehlt ihm eine gewisse Aggressivitt auf dem Platz. Dies kommt wohl daher, dass er als Mensch sehr auf Fairness, Korrektheit und dass niemand benachteiligt/ausgeschlossen wird aus ist.

    Durch kurze Recherche bin ich auf folgendes YouTube-Video gestossen: https://www.youtube.com/watch?v=oxHcnNdH4Ss
    Die Einleitung hat mich sehr beeindruckt, sodass ich diese auch meinem Nachwuchsspieler zeigen werde. Ich wrde allerdings gerne auch noch bungen durchfhren, in welchen man die 'Fhigkeit' der Aggressivitt trainieren und frdern kann.

    Hierzu fllt mir allerdings sehr wenig ein, weshalb ich nun mit diesem Anliegen an die Torwart-Gemeinde gelangen: Habt ihr Tipps, bungen und/oder Anregungen wie man Aggressivitt trainieren und frdern kann?

    Liebste Grsse
    Sam1

  2. #2
    Amateurtorwart
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    Standard

    Hallo Sam1,

    Ich denke, dass Agressivitt und Fairness kein Widerspruch sind, sondern sich sogar idealerweise ergnzen knnen, wenn der Ehrgeiz und Eigenmotivation auch den Spa an die eigene Leistung geweckt haben.

    Natrlich hat dabei sein Trainer eine wichtige Rolle. Lobt er seinen Keeper genug und dosiert er das Lob fr gute und sehr gute taktische Lsungen und korrete technische Ausfhrung? Schliet er jede Trainingsbung mit einem Erfolgserlebnis fr seine/n Keeper ab, um ihm Selbstvertrauen zu geben?

    Wichtig sind dabei aber auch, dass die Korrekturen vom Trainer so vermittelt werden, dass sie der Torwart unmittelbar verstehen kann und nicht erst herum rtzeln mu, was wohl alles damit gemeint sein knnte.

    Das Coaching eines Keepers whrend des Spiels ist besnders schwierig. Denn er soll sich eigentlich voll aufs Spiel konzentrieren. Meistens gengt es vollkommen, wenn man ihm beim nchsten Training zunchst die Mglichkeit gibt, die torgefhlichen Aktionen aus seiner Sicht beschreiben zu lassen, gemeinsam mgliche Optimierungen zu besprechen und die dann gleich auf dem Platz auszuprobieren. Dadurch bekommt der Keeper meist einen guten Eindruck zwischen "vorher" (im letzten Spiel) und "jetzt" durch bessere Lsungen.

    Mit Aussagen: "da hast du aber nicht gut ausgesehen" wird der Keeper nur dann etwas anfangen knnen, wenn ihm sofort bewut wurde, was er falsch gemacht hat. Es gilt ja auch zu prfen, was noch nicht verstanden oder nicht ausreichend technisch beherrscht wurde.

    Leider finden sich nicht immer ausreichend Hinweise im Anforderungsprofil des Keepers. So findet sich in den Prsentationsfolien fr den DFB-Nachwuchs-Keeper die Eigenschaft Mut. Aber sollte nicht jedes Teammmitglied Mut besitzen. Oder andes gefragt, gibt es berhaupt eine Sportart, die fr ngstliche, feige Menschen besonders geeignet wre?

    Natrlich kann die Physis auch eine Rolle spielen. Insbesondere, wenn sie hufiger angezweiflet wird und als Begrndung fr Torwartfehler herhalten soll. Denn irgendwann glaubt man selbst, man wre dafr zu klein, zu dnn oder zu dick! Aber was spielt das fr eine Rolle? Insbesondere im Nachwuchsbereich, wo sich die Physis noch verndert. Wenn ich unbedingt wissen will, wie gro mein Keeper mal werden wird, dann reicht es meist, wenn ich mir seine Eltern anschaue und ein paar Zentimeter drauf rechne. In einem anderen Thema wurde bereits beschrieben, dass normale Statur vorkommen ausreicht und die Handlungssschnelligkeit (Entscheidungsfreude, Sprint- und Maximaltempo, Balance, technische Versiertheit, usw.) die Anlagen sehr viel prziser als man dies in der traditionellen Beschreibung findet.

    Es gibt unterschiedliche Mglichkeiten zur Verbesserung der Handlungsschnelligkeit, die man ebenfalls als Aggressivitt beschreiben knnte. Bei Matthias Nowak (Bayern Mnschen) findet man sehr gute Multitasking-bungen hierfr.

    Aber natrlich sollte man sich mit dem Entscheidungsverhalten seines Keepers beschftigen, um herauszufinden, in welchen Situationen er durch kurzes Zweifeln an mglichen Lsungen zgert, bzw. nicht wie gewnscht reagiert.

    Nachfolgend ein Beispiel aus dem Anfngerbereich.

    Der Torwart sttzt sich beim Abkippen mit einer Hand auf dem Boden ab (statt mit beiden Hnden nach dem Ball zu greifen). Der Keeper befrchtet Schwerzen beim Bodenkontakt. Man sollte ihm zunchst einmal vermitteln, wie er sich ber Oberschenkel, Hfte und Schulter richtig abkippt. Das kann man z.B. dadurch machen, das man sich ca. 1 1/2 Armlngen vor dem Keeper positioniert, ihm den Ball seitlich hinhlt, indem man eine Hand darunter und die andere Hand drauflegt. Der Keeper soll dann aus der Hocke heraus den Krper lang ausstrecken und mit beiden Hnden gleichzeitig nach dem Ball greifen, den ihr solange aber gemeinsam fhrt, bis der Keeper ber Oberschenkel, Hfte und Schulter den Bodenkontakt aufgenommen hat. Das Festhalten durch den TW-Trainer verhindert, dass der Keeper durch falsche Technik (z.B. abspringen) schmerzhaft landet. Erst, wenn der Keeper den Bewegungsablauf versteht und technisch ausfhren kann, sollte er sich daran ausprobieren.
    Bei den Anfngern ist es noch hufig so, dass sie die Koordination zum starken Fu hin gut hinbekommen, aber beim schwcheren Fu ihre Probleme haben. Fngt man mit der strkeren Seite an, gibt man ihm Selbstvertrauen, das auch auf der schwcheren Seite hinzubekommen.

    Gerade bei den Anfngern ist es wichtig, dass sie die Torwartaufgaben mit Spa kennenlernen, um darin spter auch den Spa an der eigenen Leistung zu entwickeln.

    Weitere typische Anfngersituationen sind:
    1. Torwart bleibt auf der Torlinie (geringer Schmerz aufgrund grtmglicher Distanz zum Schu), weil Keeper noch nicht gelernt hat, dass er solange einen Raum verteidigt, bis er das Ziel des Balles kennt
    2. Torwart streckt Arm weit in Schulterhhe aus (hierbei ist Verletzungsrisiko sogar grer, wenn Ball auf Fingerspitze prallt und berdehnt wird)
    3. Torwart dreht sich beim 1 vs 1 weg (mchte Ballkontakt im Gesicht, Magengrube vermeiden), weil Keeper noch nicht gelernt hat, durch richtige Distanz und Armhaltung Krperteile meistens sehr gut zu schtzen

    Ihr habt es in der Hand, ob der Spa fr jeden, der Lust auf die Torwartaufgaben hat, wchst oder ob der Frust wchst und man schlielich noch von Laien als Fliegenfnger beschimpfen lassen mu.

    Wenn du weitere Tipps haben mchtest, dann solltest du noch ein paar Angaben zu deinem Keeper machen:
    Wie alt ist er?
    Wie lange ist er schon Torwart?
    In welcher Liga spielt er?
    Wie wrdest du seine Physis im Vergleich zu gleichaltigen Spilern beschreiben.

  3. #3
    Freizeitkeeper
    Registriert seit
    18.09.2017
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    6

    Standard

    Zitat Zitat von twtrainer Beitrag anzeigen
    Agressivitt und Fairness kein Widerspruch sind, sondern sich sogar idealerweise ergnzen knnen
    Auf jeden Fall! Ich habe nur den Eindruck der TW kann wie 'den Schalter nicht kippen', respektive eventuell mangelt es ihm an Ehrgeiz (auf dem Fussballplatz).

    Zitat Zitat von twtrainer Beitrag anzeigen
    Wenn du weitere Tipps haben mchtest, dann solltest du noch ein paar Angaben zu deinem Keeper machen:
    Wie alt ist er?
    Wie lange ist er schon Torwart?
    In welcher Liga spielt er?
    Wie wrdest du seine Physis im Vergleich zu gleichaltigen Spilern beschreiben.
    Er ist 14 Jahre, ist in meiner persnlichen Trainingsgruppe sowie einer U15-Auswahl in der Schweiz (hchstes Niveau seiner Altersstufe)
    Torwart ist er nun seit gut 5-6 Jahren, zuvor war er 1-3 Jahre Feldspieler (F-Jugend).
    Physisch ist er sehr durchschnittlich, eher am unteren Ende der Durchschnittsgrssen dafr aber eher etwas weiter in der Breite (eher krftig).

    Vielen Dank jedoch bereits fr die ausfhrliche Antwort hierzu!

  4. #4
    Amateurtorwart
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    Standard

    Hallo Sam1

    Vielen Dank fr deine Infos.

    Manchmal haben Ursache und Wirkung auf den ersten Blick gar nicht so viel zu tun.

    Deshalb ist es zunchst einmal wichtig mehr Details zu erfahren. In der von dir benannten Altersgruppe treten sehr deutliche Unterschiede auf. Die 15-jhrigen sind in der Pubertt und haben an Krperlnge wie an Muskelmasse zugelegt. Bei den 14-jhrigen ist das teilweise noch nicht der Fall. Physis und Psyche knnen sich in diesem Zeitraum verndern. Einige Jugendliche leiden hierbei unter Wachstumsstrungen. D.h. das Knochenskelett wchst so schnell, dass die Knorpelteile in den Gelenken nicht so schnell mit ihrem Wachstum nachkommen. Es treten Belastungsschmerzen im Bereich der Fugelenke, Knie und der Hfte auf.

    Ein weiterer Faktor ist die Handlungsschnelligkeit. Weil der moderne Fussball "vom Kopf in den Fu" gespielt wird, kann man die Handlungsschnelligkeit in mehrere Phase einteilen. Sie beginnt mit dem Erkennen einer Szene (im oder am torgefhrlichen Bereich). Nach der visuellen Beobachtung wird im (Langzeit-)gedchtnis verglichen, ob es eine hnliche, vergleichbare Szene gegeben hat? Meistens liegen mehrere sehr hnliche Situationen vor, weshalb ein Abgleich zwischen Langzeit- und Kurzzeitgedchtnis erfolgt. Die Lsungsentscheidung zwischen Kurz- und Langzeitgedchtnis findet nun in den vorderen Stirnlappen statt. (Biologisch betrachtet wchst dieser Teil des Gehirns von 14 Jahren bis 21 noch bis auf die doppelte Gre, was spter deutlich schnellere Entscheidungsprozesse ermglicht). Weil schon ein kurzes Zgern und Zaudern (als Lnge des Denkprozesses fr den entscheidenden Bruchteil einer Sekunde dem Gegner einen Vorteil verschafft, kann dies fr Auenstehende als besondere Schwche wahrgenommen werden. Sie ist es jedoch in den meisten Fllen nicht, sondern lediglich eine vorbergehende Erscheinung.

    Natrlich knnen auch andere Faktoren infrage kommen. Nicht jeder Jugendliche reagiert auf von auen erzeugten Leistungsdruck wie gewnscht, sondern es kann hierbei zu einem inneren Protest und schlielich zu einer inneren "Leistungsverweigerung" steigern. Dies fhrt in aller Regel zu einer Blockade, ans eigene Limit zu gehen, um hierbei ber sich hinaus zu wachsen, weil Eltern, Trainer und vielleicht selbt sehr hoch gesteckte Ziele kaum erreichbar scheinen. Sportliche Fortschritte einerseits knnen aber mit dem Verlust von Freunden (weil kaum noch Freizeit vorhanden) einher gehen, sodass das soziale Netzwerk brchig wird und das ntige Selbstvertrauen starken Schwankungen unterliegt.
    Als Trainer beobachtet man, dass nicht immer das, was gesagt auch so gemeint wurde. Andererseits wird das Wort des Trainers auf die Waage gelegt. Dann wird hin und wieder "mit den Fen" abgestimmt, ob etwas gefllt oder nicht. Denn die Zeiten, in denen der Trainer ein natrliche Autoritt darstellte, dessen Befehle zu bedinungslosem Gehorsam fhrten, die sich lngst vorbei. Allerdings sind sie nicht durch eine Zunahme an freien Entscheidungen ersetzt worden, sondern erleben im Sozial-Media eine Form von Aggression (Mobbing), deren persnlicher Umgang nicht immer einfach ist.

    Aufgrund der umfangreichen Vernderungen mu es nicht immer ein Mangel an Ehrgeiz sein, sondern es kann vielmehr daran liegen, als dass innere und uere Vernderungen den Blick auf den Fussball verndern. Hier ist anzunehmen, dass auch eine gewisse Labilitt im Entscheidungsverhalten als Ursache infrage kommt. Denn die meisten seiner Mannschaftskameraden sind aufgrund des Altersunterschied schon etwas cleverer in ihren Handlungen.

    Jugendliche in dieser Altersstufe bentigen eine sehr gute phsyische Untersttzung, die sie als positiv verlssliche Determinante wahrnehmen, um sich weiterentwickeln zu knnen. Wird dies von den Erwachsenen ignoriert, dann fhrt dies zu einer hohen Dropoutquote. Ferner sollte verstanden werden, dass eine lineare Leistungsentwicklung sehr selten ist. Sehr viel hufiger kommt es zu weitestgehend noch kaum erklrbaren Leistungssprngen, deren Ursachen vermutlich sehr vielfltiger Natur sind.

    Rezepte, wie man damit als Trainer umgeht, die gibt es leider nicht. Allenfalls, in dem man sich Mhe gibt, seinen Keeper dort abzuholen, wo er sich im Moment krperlich wie geistig befindet.

    Aus deinen bisherigen Beschreibungen entnehme ich, dass es dir dieser Junge wert ist. Also begleite ihn bei allen Hhen und Tiefen, weshalb jede Beobachtung lediglich eine Momentaufnahme darstellt, deren weiterer Verlauf kaum vorhersagbar ist. Denn wenn der Weg wichtiger wird als das Ziel, dann kann ein partnerschaftlicher und respektvoller Umfang beiderseits sehr viel Spa beim Fussball erzeugen. Denn auch ein Trainer sollte in erster Linie Spa an seiner Arbeit haben.

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